Rio Tinto lässt Glencore-Megafusion vorerst auf Eis
Nach Ablauf der Stillhaltefrist zeigt Rio-Tinto-Chef Simon Trott keine Eile, die gescheiterten Fusionsgespräche mit Glencore wiederaufzunehmen.

Die sechsmonatige Stillhaltefrist nach britischem Übernahmerecht zwischen Rio Tinto und Glencore läuft diese Woche aus – doch eine Wiederbelebung der Fusionsgespräche gilt vorerst als unwahrscheinlich. Personen, die von hochrangigen Führungskräften informiert wurden, erwarten keine neuen Verhandlungen. CEO Simon Trott konzentriert sich stattdessen auf Kostensenkungen und den Verkauf von Vermögenswerten.
Trott hatte nach seiner Amtsübernahme vor einem Jahr eine Vereinfachungsstrategie eingeleitet, die Rio Tinto auf drei Kerngeschäftsbereiche fokussiert. Innerhalb weniger Monate prüfte er jedoch die Zahlen für eine potenzielle Megafusion im Wert von 200 Milliarden US-Dollar. Das Vorhaben hätte das Marketing- und Kupfergeschäft von Glencore mit der operativen Expertise von Rio Tinto kombinieren sollen, um das Kupferpotenzial beider Konzerne zu maximieren. Letztendlich sah Trott keinen Mehrwert – und Rio Tinto zog sich am 5. Februar zurück.
Klares Signal an australische Investoren
Trott hat australischen Investoren seither versichert, dass Rio Tinto keinen Grund sieht, die Gespräche mit Glencore wieder aufzunehmen. Rio Tinto selbst lehnte eine offizielle Stellungnahme ab. Michael Bell, Chief Investment Officer bei Solaris Investment Management in Brisbane und Anteilseigner von Rio-Aktien, bringt die Stimmung auf den Punkt: „Das Unternehmen erhielt während der Gespräche eine ziemlich klare Rückmeldung, dass es diesen Weg nicht weiterverfolgen sollte. Falls Simon Trott die Gespräche erneut aufnehmen würde, müsste der Aktienkurs aus Sicht der Corporate Governance mit Abschlägen rechnen."
Bell ergänzt, dass die strategische Ausrichtung von Rio Tinto in Richtung Aluminium, Lithium und Kupfer das sei, was Investoren für künftiges Wachstum sehen wollen – und keine Rückkehr zur Kohle. Glencore gehört zu den fünf weltweit größten Kohleexporteuren, was bei australischen Investoren auf erheblichen Widerstand gestoßen war.
Bewertungsverschiebung erschwert mögliche Rückkehr
Die Marktentwicklung der vergangenen Monate macht eine Wiederaufnahme der Gespräche zusätzlich schwieriger. Glencores Aktien sind in diesem Jahr um 33 Prozent gestiegen, während die in Großbritannien notierten Aktien von Rio Tinto lediglich ein Plus von 18 Prozent verzeichneten. Das Bewertungsverhältnis hat sich damit deutlich zugunsten von Glencore verschoben.
Analyst Jon Mills von Morningstar sieht darin „definitiv einen Faktor, der die Wahrscheinlichkeit verringert, dass Rio zurückkehrt". Eine Fusion würde die Anteile der Rio-Aktionäre verwässern und Trotts ursprüngliche Entscheidung zum Rückzug untergraben. Analyst Glyn Lawcock von Barrenjoey stellt klar: „Der Ball liegt bei Glencore. Jedes wertsteigernde Angebot müsste sich deutlich von dem unterscheiden, das vor sechs Monaten diskutiert und abgelehnt wurde."
Trotts Priorität: Mehr als 10 Milliarden Dollar freisetzen
Für Rio-Tinto-Chef Trott steht zunächst ein anderes Ziel im Vordergrund: Durch Veräußerungen sollen mehr als 10 Milliarden US-Dollar freigesetzt werden, wobei die Hälfte davon bis zum Jahresende angestrebt wird. Parallel dazu sollen der Handel ausgebaut und Kupferchancen verfolgt werden. In einer Telefonkonferenz zu den jüngsten Ergebnissen erklärte Trott, Rio Tinto solle „nach Partnerschaften und ergänzenden Akquisitionen Ausschau halten".
Die Analysten von Barclays weisen jedoch auf eine strukturelle Herausforderung hin: „Die strategische Herausforderung, die der Vorstoß von Rio bei Glencore verdeutlicht hat – ein Mangel an Optionen für Kupferwachstum nach 2030 –, lässt sich kaum anders als durch Fusionen und Übernahmen lösen."
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalyseGlencore wirbt um australische Investoren
Glencore verfolgt unterdessen eine eigene Strategie. Das Schweizer Unternehmen konzentriert sich darauf, seine Kupfervorkommen unter Beweis zu stellen und gleichzeitig seine Sichtbarkeit in Australien zu erhöhen. Nach der Bekanntgabe der Halbjahresergebnisse plant Glencore Gespräche mit australischen institutionellen Anlegern – darunter auch Nicht-Aktionäre.
Der Hintergrund: Glencore hatte den Widerstand in Australien gegen eine potenzielle Fusion mit Rio Tinto unterschätzt. Neben dem Kohleengagement spielten Unsicherheiten über den Wert des Handelsgeschäfts und frühere Probleme bei der Corporate Governance eine Rolle. In Großbritannien hingegen stieß eine mögliche Fusion auf deutlich mehr Zustimmung. BlackRock, ein Hauptaktionär beider Unternehmen, unterstützt grundsätzlich die Konsolidierung unter den großen Bergbaukonzernen.
Spekulationen über eine mögliche Annäherung von Glencore an den weltgrößten Bergbaukonzern BHP unter dessen neuem Chef Brandon Craig sind laut mit den Überlegungen vertrauten Personen nicht vollständig vom Tisch. BHP lehnte eine Stellungnahme ab. Craig hat jedoch signalisiert, dass BHP sich weiterhin voll auf das Wachstum eigener Vermögenswerte konzentriert. Bell von Solaris ist in diesem Punkt eindeutig: „Unsere Position ist, dass wir einen Zusammenschluss von Glencore mit BHP oder Rio nicht unterstützen würden."


