Rewe und Aldi im Wandel: Stellenabbau, Rebranding und Roboter
Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel durchläuft tiefgreifende Veränderungen – mit weitreichenden Folgen für Beschäftigte, Sortimente und Technologie.

Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel steht vor einem strukturellen Umbruch. Zwei der größten Player – Aldi Süd und Rewe – verfolgen dabei grundlegend unterschiedliche Strategien, um sich für die Zukunft zu rüsten. Während Aldi Süd auf Zentralisierung und internationales Wachstum setzt, arbeitet Rewe an der psychologischen Neupositionierung seines Sortiments. Hinzu kommen technologische Innovationen, die den Handel langfristig verändern könnten.
Aldi Süd: Radikaler Umbau mit 1.250 Stellenstreichungen
Aldi Süd vollzieht derzeit einen tiefgreifenden Konzernumbau. Kernstück der Strategie ist die Bündelung internationaler Aufgaben in der Holding in Salzburg. Für den deutschen Standort Mülheim an der Ruhr hat das gravierende Konsequenzen: Bis Ende 2027 sollen dort 1.250 Stellen gestrichen werden – vorwiegend in der IT-Einheit „Aldi DX".
Diese Einheit war einst mit großen Ambitionen gestartet. Unter dem Motto „Data & Analytics" sollte sie den Handel neu denken und bis zu 4.000 Experten beschäftigen. Nun wird sie massiv verkleinert. Teile der IT-Aufgaben werden an externe Dienstleister der indischen Tata-Gruppe oder nach Ungarn verlagert – ein klares Signal für die neue Prioritätensetzung des Konzerns.
Der strategische Hintergrund ist eindeutig: Das künftige Wachstum von Aldi Süd liegt nicht mehr im gesättigten deutschen Heimatmarkt, sondern in den USA, Großbritannien und China. Mit der Berufung von Jason Hart – dem ehemaligen Chef von Aldi USA – in das Executive Board in Salzburg unterstreicht der Konzern diesen internationalen Fokus unmissverständlich.
Kritiker werfen dem Management jedoch Kurzsichtigkeit vor. Der Aufbau einer 4.000-köpfigen IT-Einheit in Mülheim bei gleichzeitig geplanter Zentralisierung in Salzburg erscheint im Nachhinein als ineffiziente Ressourcenallokation. Die Belegschaft reagiert bereits auf die Entwicklungen: In der IT-Sparte wurden erste Schritte zur Gründung eines Betriebsrats eingeleitet.
Rewe: „Pflanzlich" statt „vegan" – ein psychologischer Schachzug
Rewe verfolgt eine gänzlich andere Strategie zur Marktpositionierung. Der Vollsortimenter streicht bei seinen Eigenmarken „Bio + vegan" und „Beste Wahl" den Begriff „vegan" und ersetzt ihn durch das Wort „pflanzlich". Das Ziel: Die psychologische Eintrittsbarriere für die wachsende Gruppe der Flexitarier zu senken.
Wissenschaftliche Erkenntnisse stützen diesen Ansatz. Experte Carsten Kortum von der DHBW bestätigt, dass das Label „vegan" oft mit einer identitätsgebundenen Haltung assoziiert wird, die Nicht-Veganer bewusst oder unbewusst ausschließen kann. Studien des MIT und der Universität Göttingen belegen zudem einen sogenannten „Taste-Bias": Sobald Produkte explizit als vegan gekennzeichnet sind, sinken bei vielen Konsumenten die Geschmackserwartungen und damit auch die Kaufabsicht.
Durch die funktionale Umbenennung in „pflanzlich" hofft Rewe, diese Produkte aus der Nische zu holen. Höhere Stückzahlen würden Skaleneffekte ermöglichen und die Wirtschaftlichkeit des Segments verbessern. Produkte, die nicht die gewünschte Nachfrage erzielen, werden laut Rewe konsequent durch neue Alternativen ersetzt – ein Standardverfahren im modernen Sortimentsmanagement.
Kochroboter: Automatisierung hält Einzug im Handel
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Zur AktienanalyseNeben strategischen Neuausrichtungen treiben technologische Innovationen den Wandel im Lebensmitteleinzelhandel voran. Das deutsche Start-up Goodbytz hat Kochroboter entwickelt, die bis zu 150 Mahlzeiten pro Stunde zubereiten können. Ein Gerät wurde kürzlich in einer Düsseldorfer Rewe-Filiale präsentiert und sorgte für Aufmerksamkeit.
International verbucht Goodbytz bereits erste Erfolge: Ein Roboter versorgt Soldaten der US-Armee in Südkorea mit frisch zubereiteten Mahlzeiten. Derzeit sind 16 Systeme im Einsatz. Das Unternehmen plant, diese Zahl bis 2026 auf 100 bis 150 Einheiten zu steigern – ein Wachstum, das die zunehmende Bedeutung von Automatisierungslösungen in der Systemgastronomie und im Handel deutlich unterstreicht.
Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel zeigt damit, wie unterschiedlich die Antworten auf gemeinsame Herausforderungen ausfallen können: Kostendruck, veränderte Konsumgewohnheiten und technologischer Wandel zwingen Unternehmen zu grundlegenden Entscheidungen – mit spürbaren Folgen für Tausende von Beschäftigten und Millionen von Verbrauchern.


