Ratingagentur Egan-Jones bewertete Versicherungsschulden von 40 Milliarden Dollar
US-Versicherer halten Schuldtitel im Wert von 40 Milliarden Dollar, die von der umstrittenen Ratingagentur Egan-Jones privat bewertet wurden.

US-Versicherer halten Schuldtitel im Wert von rund 40 Milliarden Dollar in ihren Büchern, die von Egan-Jones privat bewertet wurden. Dies geht aus einer Analyse öffentlicher Daten durch das Wall Street Journal hervor. Die Ratingagentur mit Sitz in King of Prussia, Pennsylvania, steht dabei unter erheblicher Beobachtung der Aufsichtsbehörden.
Egan-Jones wird von zwei ehemaligen Mitarbeitern verklagt, die dem Unternehmen vorwerfen, Personal unter Druck gesetzt zu haben, Ratings künstlich aufzublähen, um Aufträge zu gewinnen. Auch die US-Börsenaufsicht SEC hat die Zuverlässigkeit des Unternehmens infrage gestellt. Darüber hinaus akzeptiert eine Aufsichtsbehörde auf den Bermudas, wo Versicherer enorme Kapitalmengen parken, die Ratings der Firma nicht mehr.
Das Unternehmen selbst weist die Vorwürfe zurück. „Egan-Jones steht hinter der Integrität, Unabhängigkeit und Strenge seiner Ratings", erklärte das Unternehmen in einer offiziellen Stellungnahme.
Warum Ratings für Versicherer so entscheidend sind
Ratingagenturen spielen eine zentrale Rolle im Versicherungswesen. Sie stellen sicher, dass Lebens- und Rentenversicherer bei der Anlage der Prämien ihrer Versicherungsnehmer keine übermäßigen Risiken eingehen. Das Kreditrating jeder Anlage bestimmt im Allgemeinen den Betrag, den ein Versicherer zur Absicherung gegen Verlustrisiken zurücklegen muss. Ein besseres Rating bedeutet konkret, dass Versicherer weniger Kapital vorhalten müssen – was ihre Rendite steigert.
Versicherer, die sich für eine nachsichtige Ratingagentur entscheiden, könnten sich damit langfristigen Problemen aussetzen, sollten diese Geschäfte in Schwierigkeiten geraten. Paul Newsome, Versicherungsanalyst bei Piper Sandler, warnt: „Es kann Auswirkungen auf die Versicherungsnehmer haben, wenn eine der Ratingagenturen schlechte Arbeit leistet." Für deutsche Privatanleger, die in Lebensversicherungen oder Rentenprodukte investieren, ist dies ein relevanter Hinweis auf systemische Risiken im internationalen Versicherungsmarkt.
Private-Credit-Boom treibt Nachfrage nach vertraulichen Ratings
Auf der Suche nach höheren Renditen haben Lebensversicherer im letzten Jahrzehnt massiv in sogenannte Private-Credit-Geschäfte investiert – also in nicht öffentlich gehandelte Kreditinstrumente. Dieser Trend führte zu einem starken Anstieg vertraulicher Ratings, sogenannter „Private Letter Ratings". Diese werden von Firmen wie Egan-Jones vergeben und begleiten solche Investitionen häufig.
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalysePrivate Letter Ratings sind, anders als öffentliche Ratings der großen Agenturen wie Moody's, S&P oder Fitch, nicht für die breite Öffentlichkeit einsehbar. Genau diese mangelnde Transparenz macht sie aus Sicht von Aufsichtsbehörden besonders kritisch. Wenn die Qualität solcher Ratings zweifelhaft ist, können Versicherer Risiken in ihren Portfolios systematisch unterschätzen – mit potenziell weitreichenden Folgen für die Stabilität des gesamten Sektors.
Die Vorwürfe gegen Egan-Jones werfen damit grundlegende Fragen über die Qualitätssicherung im Markt für private Kreditratings auf. Regulatoren in den USA und auf den Bermudas haben bereits reagiert. Ob weitere Aufsichtsbehörden folgen werden, bleibt abzuwarten.


