„Portrait of a City": Nostalgische Fotoschau über amerikanisches Stadtleben
Die Dulwich Picture Gallery zeigt ein Jahrhundert amerikanischer Stadtfotografie – optimistisch, ungeniert nostalgisch und visuell beeindruckend.

Die Dulwich Picture Gallery in London präsentiert mit „Portrait of a City: A Century of American Photography" eine bemerkenswerte Ausstellung, die einen Streifzug durch die Geschichte der amerikanischen Stadtfotografie bietet. Die Schau stammt aus den umfangreichen Beständen der norwegischen Sparebankstiftelsen DNB (Savings Bank Foundation DNB) und erstreckt sich durch die langen Galerien des Hauses zu beiden Seiten.
Die Ausstellung versammelt ikonische Werke aus rund einem Jahrhundert – von den 1930er-Jahren bis in die 1980er-Jahre. Sie ist, wie Kritiker beschreiben, eine optimistische und ungeniert nostalgische Schau der vordigitalen Ära, die durch unbekannte Namen belebt wird und eine überzeugende intellektuelle Grundströmung besitzt.
Flanieren durch ein Jahrhundert Stadtgeschichte
Zu den ausgestellten Werken zählen John Gutmanns „The Artist Lives Dangerously, San Francisco" (1938), das ein einsames Kind zeigt, das eine riesige Kreidefigur auf glühendes Pflaster zeichnet. Arthur Leipzigs klares, kühles Werk „Divers, East River" (1948) hält drei Jungen fest, die sich an der Queensboro Bridge ins Wasser stürzen – eingefangen, als wären sie verschiedene Stadien desselben Sprungs.
Garry Winogrands „Park Avenue, New York" (1959) zeigt einen offenen Chevrolet an einer Ampel unter dem Helmsley Building, dessen Kuppel im Sommerdunst ätherisch wirkt – und einen Beifahrer, der herausklettert: ein fletschender Affe. Ed Ruscha fängt in „Golden Gardens" aus den 1960er-Jahren die Langeweile in sonnendurchfluteten Wohnblocks in Los Angeles ein, während Robert Adams' „Shopping Center, Wheat Ridge, Colorado" glänzende Autos mit großen Heckflossen im kristallinen Licht von Denver zeigt.
Aus dem Sommer 1980 stammt Bruce Davidsons Arbeit für seine Serie „Subway": Er wartete auf einem Bahnsteig der M-Linie, um den Auslöser bei einem Mädchen in grünen Absätzen zu drücken, dessen gelbes Kleid von einer plötzlichen Böe um ihre Beine gewirbelt wird. Ergänzt wird die Schau durch Helen Levitts Harlem-Nachkriegsfilm „In the Street", der im bernsteinfarbenen, kuppelförmigen Mausoleum von Dulwich gezeigt wird – untermalt von den beschwingten Klavierrhythmen von Fats Waller.
Alfred Stieglitz und die Geburt der modernen Fotografie
Das Eröffnungswerk der Ausstellung ist „The Steerage" (Das Zwischendeck) von Alfred Stieglitz, das als die erste modernistische Fotografie gilt und von Picasso bewundert wurde. Stieglitz' Bekehrung zum modernen Blick fand an einem Junitag im Jahr 1907 statt, als er an Bord der SS Kaiser Wilhelm II von New York nach Europa segelte.
Beim Blick nach unten sah er sowohl das Porträt einer sozialen Klasse – zurückkehrende Emigrantenarbeiter – als auch ein Oberflächenmuster, geometrisch, unruhig und flach. Er war fasziniert von Formen und Strukturen: „ein runder Strohhut, der nach links geneigte Schornstein, die nach rechts geneigte Treppe, die weiße Zugbrücke mit ihrem Geländer aus kreisförmigen Ketten". Stieglitz beschrieb, wie er sich „inspiriert von einem Bild aus Formen und darunter dem Gefühl, das ich gegenüber dem Leben hatte" fühlte.
Ursprünglich war Stieglitz ein Fotograf in der Tradition des Piktorialismus, der malerische Effekte nachahmte. Mit „The Steerage" vollzog er einen radikalen Bruch und ebnete damit den Weg für eine neue Generation von Stadtfotografen.
Fotografie als Spiegel des modernen Amerika
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalyseDie Ausstellung verfolgt eine klare intellektuelle These: wie die Fotografie erwachsen wurde und zu dem Medium avancierte, das die flüchtigen Realitäten des modernen Stadtlebens am unmittelbarsten festhielt. Während die Städte in den USA wuchsen – New York überholte 1925 London als größte Stadt der Welt –, schuf die Kamera die ikonischen Bilder Amerikas, der Hauptstadt des 20. Jahrhunderts.
Zuvor hatten Amerikas bildende Künstler versucht, ihr Land in epischen, unberührten ländlichen Landschaften zu definieren, die der verschmutzten Stadt moralisch überlegen waren. Die Stadtfotografie vollzog eine kulturelle Wende: Sie erhob das urbane Leben, mit all seiner Flüchtigkeit, seinem Lärm und seiner Schönheit, zum eigentlichen Herzstück der amerikanischen Identität.
„Portrait of a City" bietet deutschen Kunstinteressierten und Fotografieliebhabern die seltene Gelegenheit, diese Entwicklung in einer einzigen, sorgfältig kuratierten Schau nachzuvollziehen – als Flaneur, der durch ein Jahrhundert amerikanischer Stadterfahrung spaziert.


