Pimco-Mitgründer warnt: Amerikas hegemoniale Dominanz ist ernsthaft bedroht
Bill Gross analysiert, wie Handelspolitik, Schulden und geopolitischer Wandel die globale Führungsrolle der USA gefährden.

Die globale Vormachtstellung der USA steht unter Druck – das ist die zentrale These von Bill Gross, Philanthrop, Privatinvestor und Mitgründer des Anleihegiganten Pimco. In einem Gastbeitrag für die Financial Times zeichnet er ein ernüchterndes Bild der amerikanischen Hegemonie und warnt Investoren vor den langfristigen Folgen für Dollar, Anleihen und Kapitalmärkte.
Gross erinnert daran, dass historische Hegemone – von Großbritannien bis zu den USA – ihre Dominanz stets durch ein klares Politikfundament aufgebaut haben: Freihandel, militärische Stärke und eine starke Währung. Großbritannien sicherte seine Vorherrschaft vom Sturz Napoleons bis 1945 durch Kontrolle der Weltmeere und offene Handelswege. Amerika übernahm diese Rolle nach dem Zweiten Weltkrieg, ergänzt durch offene Kapitalmärkte und die Reservewährungsstellung des US-Dollars.
Defizite und Schulden als strukturelle Belastung
Doch genau diese Grundpfeiler bröckeln. Gross verweist auf US-Handels- und Haushaltsdefizite, die inzwischen jährlich rund 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreicht haben. Das Congressional Budget Office prognostiziert einen Anstieg der Staatsverschuldung von 101 Prozent des BIP im Jahr 2026 auf 120 Prozent im Jahr 2036 – ein Wert, der den bisherigen Rekord von 106 Prozent unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich übertreffen würde.
Hinzu kommen die gesetzlichen Verpflichtungen für Gesundheitsversorgung und soziale Sicherung, die Gross als „abrissbirnenartig" für den Haushaltsausblick bezeichnet und die im Laufe der Zeit Kosten in zweistelliger Billionenhöhe verursachen dürften. Auch die bereits von Verteidigungsbeamten geschätzten 29 Milliarden US-Dollar für einen möglichen Iran-Krieg werden nach seiner Einschätzung weit übertroffen werden. Das Prinzip „Kanonen und Butter" strapaziere Amerikas globale Kreditkarte bis an das Limit.
Die Abkehr vom Freihandel unter den Trump-Administrationen verschärft das Problem zusätzlich. Zölle, die als Versprechen einer amerikanischen industriellen Renaissance angekündigt wurden, zeigen laut Gross kaum Wirkung auf die doppelten Defizite. Wirtschaftswachstum sei allenfalls durch KI-dominierte Investitionsausgaben erkennbar – eine schmale Basis für hegemoniale Stärke.
Märkte reagieren auf den hegemonialen Verfall
Die Finanzmärkte nehmen diese Entwicklungen bereits wahr. Der handelsgewichtete DXY-Index ist in den vergangenen 18 Monaten um 10 Prozent gefallen – ein direktes Signal für den schwächelnden Dollar. Die Renditen 30-jähriger US-Staatsanleihen sind in den letzten drei Monaten um 0,50 Prozentpunkte gestiegen und liegen nun bei rund 5,03 Prozent. Trotz dieses Anstiegs erscheinen sie Gross zufolge im historischen Vergleich noch immer teuer.
Besonders aufschlussreich ist die Entwicklung bei inflationsgeschützten Anleihen: Eine 30-jährige TIPS (Treasury Inflation-Protected Security) rentiert mit nur 2,72 Prozent – eine reale Rendite, die seit Januar 2022 um 3 Prozentpunkte gestiegen ist. Gross sieht darin weniger Inflationserwartungen als vielmehr Sorgen über hegemonialen Verfall und künftige Staatsverbindlichkeiten als treibende Kraft.
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Zur AktienanalyseXi, die Thukydides-Falle und der Aufstieg Chinas
Geopolitisch erhält die Debatte durch ein Gespräch zwischen Xi Jinping und Donald Trump Anfang Mai neue Brisanz. Chinas Staatschef soll dabei unverblümt auf die sogenannte Thukydides-Falle verwiesen haben – die Warnung des antiken griechischen Historikers, dass der Peloponnesische Krieg aus dem Wachstum Athens und der dadurch in Sparta ausgelösten Furcht resultierte. Die implizite Botschaft: China sieht sich als künftigen hegemonialen Nachfolger der USA.
Gross schließt seinen Beitrag mit einem überraschenden Ausblick: Weder Amerika noch China müsse zwingend die nächste Weltmacht stellen. Ein anderer Hegemon könnte beide ablösen – die Künstliche Intelligenz. Wessen Hände die KI letztlich lenken werden, sei noch offen. Es sei zwar seltsam, sich eine KI als globalen Hegemon vorzustellen, so Gross – aber es sei eben eine neue Welt.


