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Overnight-Drift an US-Börsen: Eine Marktanomalie löst sich auf

Das jahrelange Phänomen nächtlicher Kursgewinne an US-Börsen verschwindet – Fed-Ökonomen liefern nun eine Erklärung.

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Overnight-Drift an US-Börsen: Eine Marktanomalie löst sich auf

Jahrelang erzielten US-Aktien den Großteil ihrer Gewinne nicht während des regulären Handelstages, sondern in der umsatzschwachen Nachtsitzung. Dieses als „Overnight-Drift" bekannte Phänomen faszinierte Anleger, befeuerte Verschwörungstheorien über die US-Notenbank Fed und inspirierte die Auflegung spezialisierter ETFs. Nun scheint die Anomalie der Vergangenheit anzugehören – und Ökonomen der Federal Reserve Bank of New York haben eine Erklärung.

Das Phänomen war so ausgeprägt, dass Finanzprodukte eigens dafür entwickelt wurden. ETFs, die gezielt auf den Overnight-Drift setzten, wurden 2023 aufgelegt – und ebenso schnell wieder eingestellt. Bruce Lavine, CEO von NightShares, erklärte gegenüber etf.com, dass das Scheitern der Fonds auf ein „kolossal unglückliches" Timing zurückzuführen sei. „Es stellte sich einfach heraus, dass der Tag in letzter Zeit gut gelaufen ist und sicherlich besser als in dem historischen Zeitraum, den wir gesehen haben", sagte Lavine. Berater hätten es zudem als zu große Hürde empfunden, während des Tages völlig aus dem Markt zu sein.

Wie der Overnight-Drift funktionierte

Drei Ökonomen der Federal Reserve Bank of New York – Nina Boyarchenko, Lars Larsen und Paul Whelan – haben sich erneut mit dem Phänomen befasst und ihre früheren Forschungen aktualisiert. Bereits 2021 hatten sie argumentiert, dass der Overnight-Drift im Wesentlichen eine Entschädigung für Market-Maker darstellte. Diese absorbierten den Kauf- und Verkaufsdruck am Ende des US-Handelstages und mussten das damit verbundene Risiko über Nacht tragen oder in der umsatzschwachen Nachtsitzung abbauen.

Der entscheidende Mechanismus: Gegen 2:00 bis 3:00 Uhr New Yorker Zeit treffen europäische Anleger in ihren Büros ein und neigen dazu, US-Aktien zu kaufen. Dadurch erholten sich die Kurse, und die Market-Maker profitierten von der Preisdifferenz. Kein Zufall ist es laut den Forschern, dass der Overnight-Drift besonders ausgeprägt schien, als 1998 der elektronische Handel mit S&P 500-Futures begann.

Warum der Effekt seit 2020 verschwunden ist

In ihrem neuen Bericht, der Anfang Juli 2025 veröffentlicht wurde, stellen die Fed-Ökonomen fest, dass sich das Ungleichgewicht zwischen Käufen und Verkäufen am Ende des Handelstages seit 2020 etwa halbiert hat. Das bedeutet: Es gibt schlicht weniger Overnight-Prämie, die Market-Maker vereinnahmen können, bevor die europäischen Anleger in Frankfurt, Paris und London aktiv werden.

Als Hauptursache identifizieren die Forscher eine Kompression der Streuung des Order-Ungleichgewichts am Ende des Handelstages. Gleichzeitig haben sich Volatilität und Overnight-Liquidität kaum verändert. Die Ökonomen beobachten zudem, dass Limit-Orders zum Handelsschluss kleiner geworden sind – ein Hinweis darauf, dass algorithmische Liquiditätsanbieter den Orderflow feiner aufteilen und weniger Restbestände an Gegenparteien übertragen.

Kommt der Overnight-Drift zurück?

Die Forscher formulieren eine klare Prognose: Sollte sich die Streuung des Order-Ungleichgewichts wieder in Richtung des Niveaus von vor 2020 ausweiten, könnte der Overnight-Drift im gleichen Zeitfenster zwischen 2:00 und 3:00 Uhr New Yorker Zeit wieder auftreten. Für einen direkten Test dieser These fehlt jedoch bislang ein entsprechender Zeitraum mit erhöhter Ungleichgewichts-Streuung.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob veränderte Verhaltensweisen der Market-Maker selbst eine Rolle spielen. Hochfrequenzhändler, die früher darauf bedacht waren, jeden Tag ohne offene Positionen nach Hause zu gehen, halten Positionen heute im Schnitt länger. Diese gestiegene Risikobereitschaft könnte dazu beitragen, dass der Overnight-Drift auch dann nicht zurückkehrt, wenn sich die Order-Asymmetrie wieder verschlechtert.

Der Overnight-Drift reiht sich damit möglicherweise in eine lange Liste von Marktanomalien ein, die sich auflösen, sobald sie öffentlich bekannt werden und Anleger beginnen, sie systematisch auszunutzen. Für deutsche Privatanleger, die in US-Aktien oder entsprechende ETFs investieren, unterstreicht dies einmal mehr, wie schwierig es ist, strukturelle Marktineffizienzen dauerhaft zu monetarisieren.

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