Novartis-Chef warnt: Neue Medikamente könnten in Europa nicht mehr verfügbar sein
Patrick Horber kündigt drastische Preiserhöhungen an und droht mit Marktrückzug in einzelnen Ländern

Der Schweizer Pharmakonzern Novartis stellt Europa vor eine harte Wahl: Entweder die Preise für neue Medikamente steigen deutlich, oder Patienten müssen auf innovative Therapien verzichten. Dies kündigte Novartis-Chef Patrick Horber in einem Interview an und begründet den Schritt mit neuen US-Preisregeln.
"Wir werden unsere neuen Medikamente in Europa unter der Prämisse in den Markt bringen, dass wir den gleichen Nettopreis bekommen wie in den USA", erklärt Horber unmissverständlich. Die Konsequenz: "Das kann am Ende dazu führen, dass wir in sechs dieser acht Länder neue Medikamente erst einmal nicht einführen."
Hintergrund ist eine Reform der US-Regierung unter Donald Trump. Die USA orientieren sich künftig bei der Preisfestlegung an acht internationalen Märkten, darunter Deutschland. Trump argumentiert, dass US-Konsumenten bisher den Hauptteil der Forschungskosten tragen würden – ein Zustand, den er als ungerecht einstuft.
Preisverfall trotz besserer Therapien
Horber verweist auf eine paradoxe Entwicklung: "Wenn ich mir für Deutschland die Preise von heute anschaue und sie mit denen von 2011 vergleiche, dann sind sie real heute oft sogar niedriger." Gleichzeitig hätten sich die Therapien teils deutlich verbessert. Der Novartis-Chef fordert eine "Renovation des Systems der Preisfestsetzung" und intensive Gespräche mit Kanzleramt und Gesundheitsministerium.
Deutschland sieht Horber dabei noch in der besten Position innerhalb Europas, "weil es einen transparenten und objektiven Zulassungsprozess gibt". Dennoch bleibt die Drohung bestehen: Wird Innovation nicht richtig honoriert, könnten Medikamente zurückgehalten werden.
Europa verliert bei klinischen Studien
Besonders kritisch bewertet der Pharma-Manager die Forschungsbedingungen in Europa. Die Zahl der klinischen Studien sei in den vergangenen zehn Jahren um 50 Prozent eingebrochen. Der Grund: Bürokratie. "Vom Antrag bis zur Zulassung einer klinischen Studie vergehen in China 30 Tage. In Europa sind es zwischen 90 und 180 Tage."
In der Schweiz hat jede teilnehmende Klinik ihr eigenes ethisches Komitee, das nur alle drei bis sechs Monate tagt. China hingegen arbeitet mit einem zentralen Komitee, das alle zwei Wochen zusammenkommt. Diese Verzögerungen machen Europa für Forschungsinvestitionen zunehmend unattraktiv.
Lokalisierung statt Export
Novartis verfolgt eine neue Produktionsstrategie. "Wir haben bis vor einigen Jahren nahezu ausschließlich in Europa produziert und dann exportiert. Jetzt lokalisieren wir die Herstellung", erklärt Horber. Dies diene dem De-Risking für Patienten, falls es zu Importstopps kommen sollte.
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Zur AktienanalyseDie kürzlich eröffnete Produktionsstätte in Halle an der Saale ist Teil dieser Strategie. Dennoch sieht Horber die Ansiedlung von Forschung als deutlich wichtiger an als reine Produktion. Bei Grundstoffen bleibt die Abhängigkeit von China und Indien bestehen – ein Problem vor allem für Generika-Hersteller.
Patentauslauf bei Top-Produkten
In den kommenden fünf Jahren läuft der Patentschutz für die drei wichtigsten Novartis-Präparate aus. Horber zeigt sich gelassen: "Das ist unser Businessmodell. Es ist unsere Aufgabe, uns auf diese Termine vorzubereiten, für Nachschub zu sorgen." Der Konzern investiert jährlich zehn Milliarden Dollar in Forschung und Entwicklung – prozentual vom Umsatz mehr als jede andere Industrie.
Bei Krebstherapien sieht Horber bereits heute große Fortschritte. "Vor 20 Jahren war die Diagnose Brustkrebs verheerend. Heute kann man 80 Prozent der diagnostizierten Brustkrebsfälle heilen, wenn man sie frühzeitig erkennt." Ob alle Krebsformen heilbar werden? "Das weiß ich nicht", räumt der Pharma-Chef ein.


