Notenbanken fordern Geduld angesichts globaler Energiepreisschocks
Bank of England und EZB warnen vor voreiligen Zinserhöhungen – trotz steigender Energiepreise und wachsender Rezessionsrisiken.

Die führenden Notenbanken der westlichen Welt signalisieren Zurückhaltung. Beim Frühjahrstreffen des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington betonten Vertreter der Bank of England (BoE) und der Europäischen Zentralbank (EZB) unisono: Angesichts der extremen wirtschaftlichen Unsicherheit durch den anhaltenden Energiepreisschock sei Eile bei geldpolitischen Entscheidungen fehl am Platz.
Bank of England-Gouverneur Andrew Bailey machte deutlich, dass die britische Notenbank "keine voreiligen Urteile" bei Zinsanpassungen fällen werde. Zwar werde der Anstieg der Öl- und Gaspreise unweigerlich auf die britische Wirtschaft durchschlagen, doch mache die Komplexität der Lage sofortige politische Schritte "sehr, sehr schwierig". Großbritannien sieht sich dabei besonders unter Druck: Der IWF hat das Wachstum des Landes unter den großen Industrienationen am stärksten nach unten revidiert.
Der IWF selbst hat seine Wachstumsprognosen zuletzt gesenkt und warnt: Sollten die Ölpreise bis 2027 dauerhaft über 100 US-Dollar pro Barrel verbleiben, könnte die Weltwirtschaft an den Rand einer Rezession geraten. Für die BoE erhöht dies den Druck vor ihrer Sitzung am 30. April erheblich.
EZB-Vertreter: Drei Gründe für Geduld
Auch von der EZB kommen ähnliche Töne. Alexander Demarco, Mitglied des EZB-Rats und Chef der maltesischen Zentralbank, räumte ein, dass sich die Eurozone möglicherweise auf das sogenannte "Negativszenario" der EZB zubewege – eines von drei Szenarien, die die Bank im vergangenen Monat zur Modellierung des energiegetriebenen Inflationsanstiegs entwickelt hatte. Sollte dieses Szenario vollständig eintreten, wären die von den Finanzmärkten eingepreisten zwei Zinserhöhungen eine "vernünftige Erwartung", so Demarco.
Dennoch plädiert Demarco klar für Geduld – und stützt sein Argument auf drei Säulen: Erstens seien die langfristigen Inflationserwartungen nach wie vor gut verankert. Zweitens verfüge die EZB über eine hohe Glaubwürdigkeit. Drittens befinde sich die Bank derzeit in einer neutralen Zinspolitik. "Wir müssen geduldig sein, keine Entscheidung überstürzen und abwarten, was uns die Daten sagen", betonte Demarco.
Derzeit preisen die Finanzmärkte eine Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent für eine Zinserhöhung bei der EZB-Sitzung am 30. April ein. Eine Erhöhung im Juni gilt als vollständig eingepreist, eine zweite Anhebung wird für den frühen Herbst erwartet.
Unternehmensumfrage als entscheidender Indikator
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Zur AktienanalyseEinen besonderen Stellenwert räumt Demarco der bevorstehenden Umfrage unter Unternehmensführern ein. Diese soll entscheidende Einblicke in das Preissetzungsverhalten der Unternehmen liefern. Solange Firmen steigende Kosten absorbierten, ohne ihre Verkaufspreise aggressiv anzuheben, bestehe die Möglichkeit, den aktuellen Preisschub als vorübergehend zu behandeln. "Wenn die Erwartungen gut verankert bleiben, der Konflikt sich als vorübergehend erweist und die Unternehmenssignale keine große Anpassung der Verkaufspreise andeuten, dann gibt es Argumente dafür, diese Episode zu überbrücken", so Demarco.
Sollten Unternehmen jedoch beginnen, ihre Verkaufspreise zum Schutz ihrer Gewinnmargen aggressiv anzupassen, steige das Risiko einer sich selbst verstärkenden Preisspirale – und damit der Druck auf die Notenbanken zu handeln.
Insgesamt decken sich die Aussagen von Bailey und Demarco mit der übergeordneten Linie des IWF, der den Zentralbanken empfiehlt, Preisstabilität zu priorisieren, ohne dabei auf reaktive Maßnahmen zurückzugreifen. Der aktuelle Energieschock wird als exogenes Ereignis eingestuft, das einen datenabhängigen Ansatz erfordert. Alle Augen richten sich nun auf die Sitzungen von BoE und EZB am 30. April – und auf die Frage, ob die Daten eine Eskalation der Geldpolitik erzwingen werden.


