Niedrigwasser bedroht Deutschlands ohnehin schwaches Wirtschaftswachstum
Sinkende Pegel an Rhein, Elbe und Donau könnten laut Ökonomen bis zu 0,4 Prozentpunkte Wachstum kosten.

Das Niedrigwasser in deutschen Flüssen entwickelt sich zur ernsthaften Bedrohung für die Konjunktur. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) prognostiziert einen Wachstumsverlust von bis zu 0,4 Prozentpunkten — und das in einem Jahr, in dem die meisten Experten ohnehin nur mit rund einem halben Prozent Wirtschaftswachstum gerechnet hatten.
IW-Ökonom Thilo Schäfer bringt die Brisanz der Lage auf den Punkt: Ein längerer Ausfall der Schiffbarkeit auf dem Rhein könnte „das ganz klitzekleine Pflänzchen Wachstum, das wir haben, komplett ersticken." Die Formulierung klingt drastisch — ist aber durch die Zahlen gedeckt.
Auch Stefan Kooths, Direktor der Forschungsgruppe Konjunktur und Wachstum am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW), warnte bereits Ende Juli: „Insgesamt könnten die Effekte stark genug sein, um das Bruttoinlandsprodukt allein im dritten Quartal um 0,1 bis 0,2 Prozent zu dämpfen." Den Wertschöpfungsausfall bezifferte er auf grob ein bis zwei Milliarden Euro im dritten Quartal.
Rheinpegel auf Rekordtiefs — keine Besserung in Sicht
Anhaltende Hitze und Trockenheit haben die Pegelstände an mehreren Messstellen auf neue Tiefststände gedrückt. In Köln und Duisburg lagen die Rheinpegel unter den bisherigen Tiefstmarken, in Düsseldorf wurde das Niveau des bisherigen Rekordtiefs aus dem Jahr 2018 erreicht. Regen ist laut Vorhersagen vorerst nicht in Sicht — die Pegel könnten in den kommenden Tagen noch weiter fallen.
Binnenschiffe können bei diesen Wasserständen nur noch mit deutlich reduzierter Ladung fahren oder müssen den Betrieb ganz einstellen. In Köln findet nach Angaben von IW-Experte Simon Gerards Iglesias bereits gar keine Schifffahrt mehr statt. „Das heißt, dass wichtige Waren für die Chemie, die Stahlindustrie, für Raffinerien nicht mehr an ihrem Bestimmungsort ankommen", so Iglesias.
Stahl- und Chemieindustrie besonders hart getroffen
Torsten Schmidt, Konjunkturchef am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), verweist auf die Erfahrungen aus dem Jahr 2018: „Die Erfahrungen mit dem Niedrigwasser im Jahr 2018 zeigen, dass es zu einer spürbaren Dämpfung der Produktion kommen kann. Insbesondere die Stahl- und die Chemieindustrie sind auf Rohstofflieferungen auf dem Wasserweg angewiesen." Schmidt ergänzt, dass ThyssenKrupp offenbar bereits die Produktion gedrosselt habe.
Der Blick zurück auf 2018 verdeutlicht das Ausmaß: Damals unterschritten die Pegelstände den schifffahrtsrelevanten Niedrigwasserstand — die Weser an 80 Prozent, die Elbe sogar an 90 Prozent aller Tage zwischen Juni und Dezember. Allein im August 2018 sanken die Frachtmengen laut IfW um 21 Prozent. IfW und IW schätzten den damaligen Wachstumsverlust auf 0,4 bis 0,5 Prozentpunkte — exakt die Größenordnung, die heute erneut droht.
Keine Alternativen: 3.000 Tanklaster täglich wären nötig
Ein zentrales Problem ist das Fehlen von Ausweichmöglichkeiten. Iglesias rechnet vor: „Um den Transport von Benzin und Diesel, der jetzt auf den Schiffen im Rhein stattfindet, zu kompensieren, bräuchte man ungefähr 3.000 Tanklaster pro Tag." Angesichts maroder Brücken, fehlender Fahrer und mangelnder Lkw-Kapazitäten sei das schlicht nicht zu bewerkstelligen: „Es gibt schlichtweg keine Alternativen."
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Zur AktienanalyseDie Folgen dürften am Ende auch Verbraucher direkt spüren. Iglesias warnt: „Was am Rhein beginnt, kann am Ende auch an der Tankstelle sichtbar sein." Steigende Transportkosten könnten die Inflation weiter anheizen — die im Juli bereits auf 2,8 Prozent geklettert war. Eine höhere Teuerungsrate schmälert die Kaufkraft der Haushalte und damit den Binnenkonsum, der als wichtige Stütze der deutschen Wirtschaft gilt.
Politik reagiert: Fachkonferenz in Bonn einberufen
Politisch ist das Problem inzwischen auf höchster Ebene angekommen. Bundesverkehrsminister Steffen Bilger hat für Donnerstag eine Fachkonferenz in Bonn einberufen. Ein Sprecher des Verkehrsministeriums erklärte: „Wir gucken uns an, was wir da aktuell machen können." Konkrete Maßnahmen oder Teilnehmerlisten lagen zunächst noch nicht vor.
Wie hoch die wirtschaftlichen Gesamtschäden letztlich ausfallen werden, lässt sich nach Einschätzung von RWI-Ökonom Schmidt derzeit noch nicht abschätzen. Klar ist jedoch: Für Privatanleger mit Positionen in der deutschen Industrie — insbesondere in der Stahl-, Chemie- und Energiebranche — bleibt die Entwicklung der Pegelstände ein wichtiger Faktor, den es in den kommenden Wochen genau zu beobachten gilt.


