Niedrigwasser am Rhein bedroht Industrie und Lieferketten in Deutschland
DIHK, Chemieverband und Binnenschifffahrt fordern vor Spitzengespräch bei Verkehrsminister Bilger dringend Infrastrukturmaßnahmen.

Vor einem Spitzengespräch bei Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) wächst der Druck auf die Politik: Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) fordert vom Bund entschlossenes Handeln gegen die wirtschaftlichen Folgen des Niedrigwassers. „Wir brauchen jetzt eine verlässliche, resiliente Infrastruktur", sagte DIHK-Bereichsleiter Dirk Binding der Nachrichtenagentur AFP.
Binding verlangt konkrete Maßnahmen wie Fahrrinnenoptimierungen und ein modernes Management des Gewässergrundes. Diese sollten „konsequent umgesetzt" werden, um die wirtschaftlichen Schäden zu begrenzen. Denn die Unternehmen hätten nur „begrenzte Alternativen zur Binnenschifffahrt" – ein Umstieg auf Schiene oder Straße scheitere meist an höheren Kosten und fehlenden Kapazitäten.
Die Dimension des Problems verdeutlicht eine Zahl: Sinken die durchschnittlichen Frachtkapazitäten wegen niedriger Pegelstände am Rhein um 25 Prozent, werden knapp drei Millionen Tonnen Güter weniger pro Monat transportiert. Das entspricht laut Binding rund 120.000 Lkw-Ladungen – Kapazitäten, die weder bei den Fahrzeugen noch bei den Fahrern vorhanden seien.
Staugefahr und marode Brücken verschärfen die Lage
Verkehrsforscherin Maximiliane Lorenz vom Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik in Dortmund warnt vor einer Überlastung der Straßeninfrastruktur. Die Autobahnen entlang des Rheinkorridors seien bereits ausgelastet. Entlang des Rheins befinde sich viel Industrie, die normalerweise über die Wasserstraße versorgt werde – diese Gütermengen verlagerten sich nun teilweise auf die Straße.
„Das heißt, die Staugefahr steigt, wir haben höhere Fahrtzeiten, die Autobahnen dürften belastet werden", so Lorenz. Erschwerend komme der anstehende Rückreiseverkehr hinzu: In Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland enden die Sommerferien an diesem Freitag. Lorenz mahnte zur Vorsicht – gerade angesichts ohnehin schon maroder Brücken.
Auch der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt erhöht den Druck auf Minister Bilger. Geschäftsführer Jens Schwanen sagte der Rheinischen Post: „Es wird allerhöchste Zeit, dass die Bedeutung der Flüsse und Kanäle für den Wirtschaftsstandort Deutschland erkannt und in der Priorität hochgesetzt wird." Schwanen übte scharfe Kritik an der bisherigen Verkehrspolitik: Der Ausbau von Mittel- und Niederrhein stehe seit 1992 im Bundesverkehrswegeplan als „vordringlicher Bedarf". „Es ist beschämend, dass der Bund sich also seit 34 Jahren vornimmt, etwas für die Güterschifffahrt und ihre Kunden zu tun, ohne dass allzu viel passiert ist."
Chemieindustrie warnt vor Produktionskürzungen
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Zur AktienanalyseBesonders betroffen ist die deutsche Chemieindustrie. Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands VCI, warnte gegenüber der dpa: „Wenn Schiffe weniger laden können oder ganz ausfallen, steigen Kosten, Lieferketten geraten unter Druck und es kommt zu Produktionseinschränkungen." Zwar seien Chemie- und Pharmaunternehmen auf Niedrigwasserphasen vorbereitet, doch Notfallpläne könnten keine funktionierende Infrastruktur ersetzen. „Der Investitionsstau bei den Wasserstraßen muss endlich weg", forderte er.
Große Entrup betonte zugleich, dass tieferes Baggern allein keine Lösung sei: „Wenn kein Wasser da ist, hilft auch die tiefste Fahrrinne nicht." Deutschland benötige ein Verkehrsnetz, das auch in Extremlagen funktioniere – mit robusten Wasserstraßen, leistungsfähigen Schienen und Straßen sowie echten Ausweichmöglichkeiten für die Industrie.
Die wirtschaftliche Bedeutung der Binnenschifffahrt für die Chemiebranche ist enorm. Am Rhein sind Großkonzerne wie BASF, Evonik und Covestro angesiedelt, die Chemikalien in großem Umfang über den Wasserweg transportieren. Nach jüngsten Daten wurden 2024 rund 20 Millionen Tonnen Chemieerzeugnisse per Binnenschiff befördert. Für Anleger, die in diese Unternehmen investiert sind, bleibt die Entwicklung der Infrastrukturpolitik und der Pegelstände damit ein relevanter Faktor für die Produktions- und Kostenplanung der Konzerne.


