Nettovermögen schlägt Einkommen bei finanziellen Ängsten und Stress
Eine neue Umfrage zeigt: Mehr Gehalt allein beruhigt keine finanziellen Ängste – entscheidend ist das Nettovermögen.

Mehr Geld verdienen klingt wie die einfachste Lösung für finanziellen Stress. Doch eine neue Umfrage der US-amerikanischen Investment-App Acorns unter 1.875 Erwachsenen widerlegt diesen Glauben eindrücklich. Die Ergebnisse zeigen: Das Einkommen allein hat kaum Einfluss auf das Ausmaß finanzieller Ängste – das Nettovermögen hingegen schon.
Konkret berichteten 51 Prozent der Befragten mit einem Jahreseinkommen unter 20.000 US-Dollar von finanziellen Ängsten. Doch selbst bei einem Einkommen zwischen 60.000 und 80.000 US-Dollar pro Jahr sank dieser Anteil kaum – auf immer noch 46 Prozent. Eine signifikante Entlastung durch ein höheres Gehalt ist damit statistisch nicht nachweisbar.
Negatives Nettovermögen als größter Stressfaktor
Deutlich klarer ist das Bild beim Nettovermögen – also dem Wert aller Vermögenswerte eines Haushalts abzüglich seiner Schulden. Ganze 65 Prozent der Amerikaner mit einem negativen Nettovermögen, also mehr Schulden als Vermögenswerte, gaben an, unter finanziellen Ängsten zu leiden. Bei Personen ohne Schulden und ohne Vermögen waren es 43 Prozent, bei jenen mit einem Nettovermögen zwischen 75.000 und 250.000 US-Dollar 47 Prozent.
Finanztherapeutin Aja Evans erklärt den Zusammenhang so: „Beim Nettovermögen geht es im Grunde darum, wie viel Geld man tatsächlich besitzt und worauf man im Notfall zurückgreifen könnte. Wenn Sie ein geringeres Nettovermögen haben, gibt es möglicherweise weniger Möglichkeiten, an das notwendige Bargeld zu kommen, was die finanziellen Ängste der Menschen erheblich verstärken kann."
Ein hohes Einkommen schützt demnach nicht automatisch vor Stress – vor allem dann nicht, wenn hohe Schuldenlasten und monatliche Zahlungsverpflichtungen das Gehalt aufzehren. Hinzu kommt die Angst, dass ein gut bezahlter Job jederzeit wegfallen könnte. „Es geht vielmehr um Ihr individuelles Sicherheitsgefühl", sagt Evans, „und die Frage: ‚Kann ich für mich selbst oder meine Familie sorgen, wenn meine Finanzen einen katastrophalen Einbruch erleiden?' – daraus entstehen die finanziellen Ängste."
Erika Rasure, Chefberaterin für finanzielles Wohlergehen beim Finanzdienstleister Beyond Finance, ergänzt eine weitere Dimension: „Wenn man sich in solchen Situationen befindet, verliert man oft die kognitive Kapazität, um klare finanzielle Entscheidungen zu treffen." Das Gewicht von Schulden, so Rasure, verfolge Menschen „bis in den Schlaf, in ihre Beziehungen, in ihren Job und bis hin zu ihrer körperlichen Gesundheit – man kann ihm nicht entkommen."
Finanzielle Ängste treffen auch Wohlhabende
Die Umfrageergebnisse zeigen zudem, dass selbst ein hohes Nettovermögen keine Garantie für innere Ruhe ist. Rund 43 Prozent der Amerikaner mit einem Nettovermögen zwischen 500.000 und 800.000 US-Dollar berichten von finanziellen Ängsten. Bei einem Nettovermögen von 800.000 US-Dollar oder mehr sind es immer noch 24 Prozent. Von den Befragten mit einem Jahreseinkommen von 150.000 US-Dollar oder mehr gaben 26 Prozent an, finanzielle Ängste zu verspüren.
Evans sieht dafür klare gesellschaftliche Ursachen: anhaltende geopolitische Konflikte, Unsicherheiten rund um Künstliche Intelligenz, die Bedrohung durch Entlassungen und steigende Preise – all diese Faktoren treffen gleichzeitig auf die Menschen ein und verstärken das allgemeine Angstgefühl.
Die Umfrageergebnisse spiegeln eine breitere wirtschaftliche Realität wider. Da die Inflation in den USA das Lohnwachstum zu übertreffen beginnt, greifen viele Verbraucher auf Kreditkarten und Kredite zurück, um ihre Ausgaben zu decken. Aktuelle Daten des Finanzdienstleisters Fidelity zeigen zudem, dass eine wachsende Zahl von Arbeitnehmern auf ihre Altersvorsorge zugreift, um kurzfristig liquide Mittel zu erhalten – ein Zeichen für zunehmenden finanziellen Druck.
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Zur AktienanalyseExperten raten zu Entscheidungen aus der Ruhe heraus
Trotz der weit verbreiteten Ängste warnen beide Expertinnen davor, in Stressphasen voreilige finanzielle Entscheidungen zu treffen. „Bitte treffen Sie keine finanziellen Entscheidungen und bewegen Sie kein Geld, wenn Sie gestresst sind oder sich in einer Krise befinden", sagt Evans. „Das wäre kurzsichtig und ist weder für Sie noch für Ihre Finanzen gut."
Rasure empfiehlt stattdessen, zunächst innezuhalten: „Es gibt Dinge, die man nicht kontrollieren kann, das ist in Ordnung. Aber was können Sie in diesem Moment kontrollieren? Erlauben Sie sich, sich wirklich wieder zu sammeln, zu erden und neu zu formieren. Treffen Sie finanzielle Entscheidungen, welcher Art auch immer, aus einem Zustand der Klarheit statt aus der Angst heraus."
Für deutsche Privatanleger lassen sich aus diesen Erkenntnissen wichtige Schlüsse ziehen: Der Aufbau von Vermögen – etwa durch regelmäßiges Sparen, Schuldenabbau und langfristige Investitionen – kann das subjektive Sicherheitsgefühl stärker verbessern als eine reine Gehaltserhöhung. Das Nettovermögen als Maßstab für finanzielle Stabilität rückt damit stärker in den Fokus als das monatliche Einkommen.


