Nachhaltig kühlen statt Klimaanlage: So geht es ohne Reue
Klimaanlagen boomen – doch ihr Energieverbrauch verschärft die Erderwärmung. Passive Alternativen bieten eine nachhaltigere Lösung.

Die vergangenen elf Jahre waren weltweit die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen. In England und Wales meldete der Wetterdienst Met Office den bisher wärmsten Frühling – mit erhöhter Wahrscheinlichkeit für Hitzewellen im gesamten Sommer. Das britische Climate Change Committee warnt: Fast alle Häuser in Großbritannien werden bis 2050 überhitzen, sofern keine entscheidenden Maßnahmen ergriffen werden.
Kein Wunder also, dass immer mehr Menschen zur Klimaanlage greifen. Laut der Europäischen Umweltagentur stiegen die Installationsraten in Europa von 14 Prozent im Jahr 2010 auf rund 20 Prozent im Jahr 2019. Eine 2024 in Nature Communications veröffentlichte Studie prognostiziert, dass der Anteil der Haushalte mit Klimaanlage weltweit von 27 Prozent auf 41 Prozent bis 2050 steigen könnte.
Doch der Preis für diese Kühle ist hoch: Kühlsysteme machen bereits heute 20 Prozent des gesamten weltweiten Stromverbrauchs aus, wie ein UNEP-Bericht aus dem Jahr 2025 feststellte. Angesichts wachsender Nachfrage könnten sich die damit verbundenen Treibhausgasemissionen zwischen 2022 und 2050 fast verdoppeln. Auch die von Klimaanlagen abgegebene Heißluft trägt zur Erwärmung der Außentemperatur bei – ein Teufelskreis.
Passive Kühlung als Alternative
Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) drängt mit seinem Global Cooling Pledge auf ökologisch freundlichere Alternativen. Im Mittelpunkt stehen sogenannte „passive" Gebäudemerkmale, die extreme Hitze ohne mechanische Unterstützung mildern – etwa durch Schatten und natürliche Belüftung.
„Die Prinzipien, Häuser kühl zu halten, sind relativ einfach, werden jedoch drastisch zu wenig genutzt und oft missverstanden", sagt der britische Ingenieur und Umweltschützer Tom Greenhill. Er erstellte 2024 das „Heatwave Toolkit", eine Online-Ressource mit kostengünstigen Maßnahmen für Hausbesitzer. Das Handbuch empfiehlt unter anderem:
- Fenster beschatten – vom Tarnetz bis zum Halbschirm
- Fenster tagsüber schließen, wenn es draußen heißer ist als drinnen
- Fenster nachts öffnen und einen Ventilator am offenen Fenster platzieren, um kühle Luft schneller hereinzuleiten
Auch historische Bautraditionen liefern Inspiration: Die Bâdgir-Türme (Windfänger) in der iranischen Stadt Yazd, die Schornsteine des Taj Mahal in Indien oder die dicken Lehmwände alter Häuser in Sana'a, Jemen – all diese Techniken hielten Innenräume ohne Strom kühl. Mit modernen Anpassungen lassen sich solche Gestaltungsmerkmale auf den zeitgenössischen Wohnungsbau übertragen.
Neue Bauvorschriften und moderne Architektur
Im Vereinigten Königreich hat die Regierung 2022 eine neue Bauvorschrift eingeführt – „Document O" –, die sich mit der Überhitzung von Wohngebäuden befasst. Sie schreibt vor, dass neue Häuser den solaren Wärmegewinn begrenzen und Wärme bei Bedarf abführen müssen. Priorität haben dabei passive Strategien: Schatten maximieren, natürliche Belüftung durch Öffnungen sicherstellen und Glasflächen begrenzen.
Ein konkretes Beispiel liefert das dänische Büro Effekt, das gemeinsam mit dem Fensterhersteller Velux ein kohlenstoffarmes, energieeffizientes Haus entworfen hat. Fenster im Satteldach ermöglichen eine Lüftung durch den Kamineffekt, Außenjalousien reduzieren den solaren Wärmegewinn. Der 2023 in Kopenhagen als Prototyp gezeigte Entwurf bildet nun die Grundlage für eine neue Wohnsiedlung in Sunderland.
Architekten setzen zudem auf natürliche Materialien mit hoher thermischer Masse wie Stein und Stampflehm, die überschüssige Wärme absorbieren und die Innentemperatur regulieren. Das Architekturbüro Groupwork und die Ingenieure von Webb Yates arbeiten an Wohnprojekten mit Steinbau – ein zehnstöckiges Gebäude aus Granit wird bald im Norden Londons fertiggestellt.
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Zur AktienanalyseSanierung bestehender Gebäude als Schlüssel
Bei bestehenden Häusern spielt die energetische Sanierung eine entscheidende Rolle. Das Hampstead Passive House in London zeigt, wie es geht: GS Architecture (GSA) sanierte ein viktorianisches Doppelhaus und installierte eine Holzfaserdämmung – eine natürliche Alternative zu Mineralwolle mit höherer thermischer Masse. Ein verglaster Wintergarten wurde durch einen holzgerahmten Anbau mit Gründach und dreifach verglasten Fenstern ersetzt.
„Vorher war es buchstäblich ein Gewächshaus", sagt GSA-Partnerin Rachel Miller. Sie berichtet von steigender Nachfrage britischer Kunden nach hitzeresistenten Designs, wobei Klimaanlagen „meist ihre erste Anlaufstelle" seien. Miller plädiert jedoch für Verbesserungen an der Gebäudehülle selbst. Die Kosten für Lieferung und Installation der Holzfaserdämmung im Hampstead Passive House beziffert sie auf 50.000 Britische Pfund – eine Investition mit langfristiger Amortisation.
Eine deutlich günstigere Maßnahme, die viele Designer und Forscher befürworten: das Dach weiß streichen, um Sonnenlicht zu reflektieren. In heißen Ländern wie Griechenland ist dies längst gängige Praxis. Für deutsche Hausbesitzer, die angesichts immer heißerer Sommer nach Lösungen suchen, bieten all diese Ansätze eine nachhaltige Alternative zur energiehungrigen Klimaanlage.


