Mittelmächte im Handelskrieg: Zwischen USA, China und EU
Die FT analysiert die schwierige Lage mittlerer Wirtschaftsmächte zwischen den großen Handelsblöcken – mit Ironie und Tiefgang.

Die Financial Times beleuchtet in einem ungewöhnlichen Kommentar die Lage der sogenannten Mittelmächte in der aktuellen Welthandelsordnung. FT-Chefredakteurin Roula Khalaf wählt diesen Beitrag als eine ihrer Lieblingsgeschichten der Woche aus. In einer bewusst metaphorischen Sprache – als fiktives Tagebuch einer Mittelmacht geschrieben – wird die Zerrissenheit von Ländern beschrieben, die zwischen den Interessen der USA, Chinas und der EU navigieren müssen.
Das Bild ist eindeutig: Die USA spielen den Tyrannen auf dem Schulhof, der den gemeinsamen Trinkbrunnen zerstört und die kleineren Mitspieler durstig zurücklässt. Die Mittelmächte hingegen versuchen, sich möglichst neutral zu positionieren – und dabei gleichzeitig von allen Seiten zu profitieren. Doch diese Strategie stößt zunehmend an ihre Grenzen.
Das USMCA-Abkommen als Druckmittel
Besonders deutlich wird die Problematik am Beispiel Kanadas und des nordamerikanischen Handelsabkommens USMCA, dem neben den USA und Kanada auch Mexiko angehört. Sollten die USA beschließen, das Abkommen nicht zu verlängern, würde ein zehnjähriger Countdown bis zum Auslaufen des Vertrags eingeleitet. Die Unsicherheit allein reicht bereits aus, um Unternehmensinvestitionen einzufrieren – mit langfristigen wirtschaftlichen Folgen, die keine noch so mitreißende Rede über eine neue Weltordnung ausgleichen kann.
Auch die Beziehung zur Europäischen Union gestaltet sich kompliziert. Die EU zeigt sich misstrauisch gegenüber Mittelmächten, die eher auf eine oberflächliche „Freundschaft plus" aus sind als auf eine reife Partnerschaft mit gegenseitigen Zugeständnissen. Wer Zugang zum europäischen Verteidigungsmarkt will, muss zahlen. Wer andere Vorteile anstrebt, muss etwa bei Mobilitätsprogrammen für junge Menschen kompromissbereit sein.
Neue Handelsabkommen als Antwort – aber reichen sie aus?
In der Öffentlichkeit setzen die Mittelmächte auf neue Handelsabkommen. Die vergangenen Jahre waren für Handelsunterhändler arbeitsreich, nicht zuletzt weil die USA eine eigene Verhandlungsoffensive gestartet haben. Die Logik dahinter: Auch große Mächte haben Angst, etwas zu verpassen – FOMO, wie es im Text heißt. Wer viele attraktive Deals mit anderen Partnern schließt, zieht auch die Aufmerksamkeit der Großen auf sich.
Doch im Privaten – so die Metapher des Tagebuchs – wächst die Skepsis. Abkommen zur Senkung von Zöllen oder zur Harmonisierung von Vorschriften sind nützlich. Aber wenn ein mächtiger Akteur zur Erpressung ansetzt oder droht, Märkte mit einer Exportwelle zu überfluten, bieten klassische Handelsabkommen möglicherweise nur begrenzte Schutzwirkung.
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Zur AktienanalyseZwischen US-Markt, Sicherheitsschirm und chinesischen Waren
Das eigentliche Dilemma der Mittelmächte liegt tiefer: Sie wollen gleichzeitig den Zugang zum US-Markt, den Schutz des amerikanischen Sicherheitsschirms und günstige Waren aus China. Seltene Erden aus China zu beziehen kann mühsam sein – aber wenn sie fließen, sind sie günstig. Die Frage, was passiert, wenn internationale Bemühungen zur Festlegung von Mindestpreisen die eigene Industrie benachteiligen oder China auf eine Annäherung an die USA mit wirtschaftlichem Druck reagiert, bleibt offen.
Unter der Biden-Administration hatten die USA noch klar signalisiert, dass eine zu enge Anlehnung an China die Beziehungen zu Washington erschweren würde. Mit der Rückkehr des Trump-Teams verfolgen die USA jedoch einen so unberechenbaren Ansatz beim Aufbau von Koalitionen, dass es für Mittelmächte leichter geworden ist, wieder eine neutrale Haltung einzunehmen. Langfristig, so das ernüchternde Fazit des Kommentars, werden die Mittelmächte die Herausforderungen des rauen geopolitischen Umfelds wohl weitgehend alleine bewältigen müssen – denn auch die anderen mittleren Mächte zeigen wenig Begeisterung dafür, sich gegen die großen Akteure zu stellen.


