Microsoft bündelt KI-Verantwortung unter neuer Trusted Technology Group
Jenny Lay-Flurrie leitet seit Februar 2025 Microsofts neue Einheit für verantwortungsvolle Technologie – und will KI menschlicher machen.

Microsoft hat Anfang 2025 die sogenannte Trusted Technology Group ins Leben gerufen und damit alle Initiativen für verantwortungsvolle Technologie unter einem Dach vereint. Die neue Einheit umfasst Bereiche wie Barrierefreiheit, digitale Sicherheit, Menschenrechte, verantwortungsvolle KI, Datenschutz, Lieferkettenintegrität sowie Technologie zum Wohle der Gesellschaft. An der Spitze steht Jenny Lay-Flurrie, die im Februar die Leitung übernahm und zuvor 21 Jahre bei Microsoft – davon einen Großteil im Bereich Barrierefreiheit – tätig war.
Für Lay-Flurrie ist verantwortungsvolle Technologieentwicklung eine zweiteilige Aufgabe: „Wie stellen wir sicher, dass wir sie richtig bauen? Und wie können wir sicherstellen, dass sie auch so bleibt?" Diese Fragen stellen sich vor dem Hintergrund eines globalen KI-Wettlaufs, der durch den nationalen gesetzlichen Rahmen der Trump-Regierung vom 20. März weiter befeuert wird – ein Dokument, das den „Sieg im KI-Wettlauf" zur obersten Priorität erklärt.
Das Spannungsfeld zwischen schneller Marktführerschaft und verantwortungsvollem Vorgehen ist dabei kein abstraktes Problem. Microsoft selbst musste einräumen, dass KI-generierter Code häufig Barrierefreiheit vernachlässigt – ein Befund, der menschliche Aufsicht und kontinuierliche Iteration unerlässlich macht.
Die Tücken der KI und wie Microsoft gegensteuert
Ein konkretes Beispiel verdeutlicht die Herausforderung: Microsofts KI stellte blinde Menschen in generierten Bildern nicht korrekt dar. „Einige der generierten Bilder von blinden Menschen zeigten Personen, die diese schrecklichen, vollständigen Augenbinden trugen", erklärte Lay-Flurrie. Das Problem wurzelt in den Trainingsdaten: „Diese Modelle wurden mit viel Material trainiert, das in der Gesellschaft existiert. Leider ist die Gesellschaft nicht immer der inklusivste Ort."
Um gegenzusteuern, erwarb Microsoft mehr als 20 Millionen Minuten an multimodalen Daten von Be My Eyes – einer gemeinnützigen Plattform, über die blinde und sehbehinderte Menschen kostenlos Unterstützung durch freiwillige Helfer oder KI erhalten. Das Videomaterial zeigt blinde Menschen im Alltag, etwa beim Umgang mit Blindenstöcken oder beim Suchen von Gegenständen. „Wir haben die Daten anonymisiert, indem wir Gesichter unkenntlich gemacht haben, um unsere Modelle angemessener auf das Thema Blindheit zu trainieren", so Lay-Flurrie.
Dennoch sieht Annie Brown, CEO und Gründerin von Reliabl – einer Software zur Minimierung von Verzerrungen in KI-Modellen – noch Verbesserungspotenzial. „Vielfältigere Daten sind nur ein Teil der Lösung", sagte Brown. „Wenn man nicht darauf achtet, was auf der Metadatenebene passiert – also wie die Bilder gekennzeichnet sind –, entstehen genau dadurch Verzerrungen."
Microsofts Ansatz im Branchenvergleich
Während Microsoft seine verantwortungsvolle Technologie nach einem Top-down-Modell zentralisiert hat, verfolgen Wettbewerber wie Google eine eher ingenieurgetriebene Architektur mit zentralen KI-Prinzipien und spezialisierten Sicherheitsräten. Microsofts Weg hat historische Wurzeln: Bereits 2002 veröffentlichte Bill Gates das berühmte „Trustworthy Computing"-Memo, das Zuverlässigkeit über die Entwicklung neuer Funktionen stellte. Seitdem wurde der Ansatz kontinuierlich weiterentwickelt.
Microsoft arbeitet nach dem Grundsatz, dass Menschen für KI-Ergebnisse verantwortlich sein sollten. Lay-Flurrie beschreibt den Verbesserungsprozess pragmatisch: „Es geht darum, aufmerksam auf Feedback zu hören, dieses anzunehmen, zu iterieren, zu testen und die Probleme in so kurzer Zeit wie möglich zu lösen."
Darüber hinaus stellt Microsoft über die Plattform Microsoft Learn Trainingsmodule zu Prinzipien verantwortungsvoller KI kostenlos für Studenten, Akademiker und Entwickler bereit. Brown empfiehlt dem Konzern zudem, von kleineren Organisationen für das Gemeinwohl zu lernen, um zu sehen, „wie sie Inklusivität in die KI bringen".
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Zur AktienanalyseKI als Chance für marginalisierte Arbeitnehmer
Trotz der branchenweiten Entlassungswelle – Microsoft selbst strich 2025 rund 15.000 Stellen in den Bereichen Vertrieb, Gaming und kundennahen Abteilungen und stellte gleichzeitig neues Personal mit Fokus auf KI-Infrastruktur ein – betont Lay-Flurrie die positiven Möglichkeiten der KI für bisher benachteiligte Gruppen.
Die erste Mitarbeitergruppe bei Microsoft, die Zugang zu Copilot erhielt, war die interne Gruppe für Menschen mit Behinderungen. Für gehörlose Mitarbeiter bieten Untertitelung, Transkripte, Besprechungsnotizen und Gebärdenspracherkennung mehr Unabhängigkeit. Für neurodiverse Menschen half das Tool so stark bei der kognitiven Entlastung, dass die Nutzer laut Lay-Flurrie „mich die Lizenz nicht zurückgeben ließen".
Diego Mariscal, CEO des globalen Startup-Beschleunigers 2Gether-International, der von und für Unternehmer mit Behinderungen geführt wird, würdigt Microsofts Engagement – mahnt aber auch zur Konsequenz: „Wie können wir sicherstellen, dass Menschen mit Behinderungen bei der Weiterentwicklung der KI mit am Tisch sitzen – nicht aus einer Wohltätigkeitsperspektive heraus, sondern weil dies sicherstellt, dass Technologie und Innovation noch fortschrittlicher und für alle zugänglich sind?"


