Mercedes testet teilautonomes Fahren im Pekinger Stadtchaos
Ein Serienfahrzeug, kein Prototyp: Mercedes-Benz erprobt seinen CLA im dichten Pekinger Stadtverkehr – mit beeindruckenden Ergebnissen.

Peking, Stadtviertel Sanlitun: Mopeds fahren kreuz und quer, ignorieren rote Ampeln, tauchen unvermittelt aus allen Richtungen auf. Fußgänger queren die Fahrbahn, wo es ihnen passt. Für Autofahrer ist das eine permanente Herausforderung – und für autonome Fahrsysteme ein echter Stresstest.
Genau in diesem Umfeld hat Mercedes-Benz seinen roten CLA auf die Straße geschickt. Hinter dem Lenkrad sitzt Bernd Woltermann, Leiter der Forschung und Entwicklung für Assistenz- und Parksysteme bei Mercedes-Benz China. Gesteuert wird das Fahrzeug an diesem Frühlingstag jedoch nicht von ihm – sondern vom Auto selbst.
Entscheidend dabei: Es handelt sich um ein gewöhnliches Serienfahrzeug, das Woltermann kurz zuvor bei einem Mercedes-Händler abgeholt hat. Kein Entwicklungsprototyp, kein Sonderumbau – ein Auto, das genauso an einen Privatkunden ausgeliefert werden könnte.
Teilautonomes Fahren im Stadtverkehr – neu für Mercedes
Mercedes-Benz erweitert seine Fahrassistenz um eine sogenannte urbane Punkt-zu-Punkt-Funktion. Das System navigiert das Fahrzeug theoretisch vollständig selbstständig vom Parkplatz bis zum Ziel – durch dichten Stadtverkehr. Bislang bot Mercedes eigenständig fahrende Funktionen nur auf der Autobahn an. Die neue Stadtfunktion ist damit ein bedeutender Schritt.
Das System arbeitet auf Level 2, dem sogenannten assistierten Fahren. Das bedeutet: Der Fahrer muss jederzeit eingreifen können und seine Hand nahezu durchgehend am Lenkrad halten. „Ich muss meine Hand fast durchgängig am Lenkrad haben, aber das Lenken übernimmt das System", erklärt Woltermann. Gaspedal und Bremse bedient er dabei nicht.
Für den Fall, dass der Fahrer einschläft oder zu lange abgelenkt ist, hat Mercedes mehrere Sicherheitsstufen integriert: visuelle Warnungen auf dem Bildschirm, akustische Signale und ein ruckender Sicherheitsgurt sollen die Aufmerksamkeit zurückbringen. Reagiert der Fahrer trotzdem nicht, bremst das Fahrzeug kontrolliert ab und kommt zum Stillstand.
Chinesische Fahrkultur als Blaupause für das System
Besonders interessant ist, wie das System auf die lokalen Verkehrsgewohnheiten ausgelegt wurde. In China ist es etwa erlaubt, bei Linksabbieger-Rot in den Kreuzungsbereich einzufahren und dort an einer Markierung zu warten – das bildet der Mercedes-Assistent korrekt ab. Auch das typisch chinesische „langsame Vortasten" an Kreuzungen beherrscht das System: Es schiebt sich behutsam vor, um sich im Chaos Platz zu verschaffen.
Ebenso imitiert der CLA das Fahrverhalten eines durchschnittlichen chinesischen Fahrers: zügig auf den Vordermann zufahren, dann kräftig bremsen. „Das System ist auf typische Fahrweisen im chinesischen Verkehr ausgelegt und imitiert den beispielhaften Fahrer", sagt Woltermann. Er nennt es „ein sehr menschliches Fahren".
Auf dem Bildschirm über der Mittelkonsole wird die Verkehrssituation in Echtzeit visualisiert – inklusive aller Fahrspuren, umliegender Fahrzeuge und sogar der Markenlogos vorausfahrender Autos. Für die Ampelsteuerung nutzt Mercedes-Benz in China den Kartendienst Amap, der Live-Daten per Cloud überträgt. So weiß das System stets, wie lange die nächste Ampel noch rot zeigt – in Peking kann das an Hauptstraßen über drei Minuten dauern.
Rollout in China, USA und Europa geplant
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Zur AktienanalyseAm Ende der Testfahrt parkt der CLA vollautomatisch ein. Woltermann aktiviert den Vorgang per Fingertipp auf dem Bildschirm – wenige Sekunden später steht das Fahrzeug perfekt in der Lücke.
Das System ist in China bereits in vier Städten verfügbar, bis zum Sommer soll die Abdeckung auf das gesamte Land ausgeweitet werden. Ende des Jahres plant Mercedes den Start in den USA, und für 2027 ist die Einführung in Europa vorgesehen – sofern die gesetzlichen Rahmenbedingungen es erlauben.
Woltermann zeigt sich überzeugt von der Leistungsfähigkeit des Systems: Im Vergleich mit internationalen Herstellern habe Mercedes „das beste System auf dem chinesischen Markt". Auch gegenüber lokalen Anbietern sieht er den Stuttgarter Konzern „unter den Top Performern".
Eine Einschränkung gibt es allerdings: Hupen kann der Mercedes-Assistent nicht. In einigen chinesischen Städten ist das Hupen ohnehin reguliert. „Da müssen wir die Vorschriften beachten", sagt Woltermann – und lächelt.

