Mehrwertsteuersenkung in der Gastronomie: Gäste profitieren kaum
Trotz reduziertem Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent halten die meisten deutschen Restaurants ihre Preise stabil oder erhöhen sie sogar.

Die Bundesregierung senkte zum Jahresbeginn die Mehrwertsteuer auf Speisen in der Gastronomie von 19 auf 7 Prozent. Doch bei den Verbrauchern kommt die Entlastung kaum an. Laut einer Umfrage des Hotel- und Gaststättenverbands DEHOGA unter rund 2.000 Betrieben haben 73,4 Prozent der Gastronomen ihre Preise unverändert gelassen.
Amritvir Singh Dillon, Inhaber eines indischen Restaurants im nordrhein-westfälischen Wermelskirchen, ist ein typisches Beispiel. Seine Bestseller – Butter Chicken und Chicken Tikka Masala – kosten weiterhin jeweils 18,90 Euro. Eine Preissenkung kam für ihn trotz der Steuererleichterung nicht infrage.
Gestiegene Kosten fressen Steuervorteil auf
Der Grund liegt in massiv gestiegenen Betriebskosten. „Die Fixkosten, die Einkaufskosten, die Personalkosten", erklärt Dillon. Der gesetzliche Mindestlohn wurde zu Jahresbeginn deutlich angehoben, was seine Personalkosten spürbar erhöhte. Hinzu kommen steigende Lebensmittelpreise – etwa beim Rapsöl, wo sein Lieferant bereits die nächste Preisrunde ankündigte.
Das Statistische Bundesamt bestätigt diesen Trend: Die Preise für Hauptspeisen in der Gastronomie sind zu Jahresbeginn im Durchschnitt gestiegen. Der DEHOGA räumt ein, dass die Steuersenkung lediglich dazu beigetragen habe, dass Preiserhöhungen geringer ausfielen als sie es sonst getan hätten. Für Verbraucher bedeutet das: keine Entlastung, aber eine gebremste Teuerung.
Für Dillon fungiert die Steuersenkung dennoch als strategischer Puffer. Er plant, in den kommenden Jahren auf weitere Preiserhöhungen zu verzichten – ein indirekter Vorteil für seine Stammgäste, auch wenn er sich kurzfristig nicht in niedrigeren Preisen niederschlägt.
Ausnahme: Gastronom setzt auf Volumen statt Marge
Mike Henning aus Hagen geht einen anderen Weg. Der Betreiber eines Restaurants am Hengsteysee senkte im Januar jedes Hauptgericht um einen Euro und gab die Steuererleichterung damit zumindest teilweise an seine Gäste weiter. Seine Strategie basiert auf einem einfachen Kalkül: niedrigere Preise, höhere Auslastung, mehr Umsatz.
„Das Teuerste in der Gastronomie sind die Personalkosten", erklärt Henning. „Die Kosten sind genauso hoch, ob die Person drei Tische bedient oder ob sie acht Tische bedient." Durch günstigere Preise will er mehr Gäste anziehen und so die Effizienz seines Personals steigern. Das Konzept scheint aufzugehen: „Wir haben zu Jahresbeginn bis zu 30 Prozent mehr Umsatz gehabt als im Jahr davor", so der Gastronom. Auch das Personal profitiere – durch höhere Trinkgelder bei besserem Besucheraufkommen.
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Zur AktienanalyseGäste zeigen Verständnis für ausbleibende Preissenkungen
Zurück in Wermelskirchen: Die Stammgäste des indischen Restaurants reagieren gelassen auf die unveränderten Preise. Beschwerden habe es bislang keine gegeben, berichtet Dillon. Stammgast Stefan Reifers bringt es auf den Punkt: „Die Gastronomie ist durch Corona und andere Krisen sehr gebeutelt worden – man muss sie unterstützen." Seine Frau Astrid ergänzt: „Das Personal muss auch bezahlt werden, die arbeiten hart und gut."
Die Debatte rund um die Mehrwertsteuersenkung zeigt exemplarisch, wie komplex das Zusammenspiel aus Steuerpolitik, Kostendruck und Verbrauchererwartungen in der Gastronomiebranche ist. Für Privatanleger, die in Konsumgüter- oder Gastronomiebetreiber investieren, verdeutlicht der Fall: Steuerliche Entlastungen verbessern zwar die Margen, fließen aber in einem Hochkostenumfeld selten direkt an die Endkunden weiter.


