Lufthansa wird 100: Der schwierige Umgang mit der NS-Vergangenheit
Zum Jubiläum glänzt Lufthansa als globaler Konzern – doch die eigene Geschichte bleibt ein heikles Kapitel.

Die Deutsche Lufthansa feiert ihr 100-jähriges Bestehen. Als einer der führenden Luftfahrtkonzerne weltweit präsentiert sich das Unternehmen heute erfolgreich und modern. Doch der Blick zurück auf die eigene Geschichte offenbart eine tiefe innere Zerrissenheit – und einen bis heute nicht vollständig aufgearbeiteten Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit.
Gegründet wurde Lufthansa 1926 als Gemeinschaftsprojekt von Flugzeugherstellern, anderen Unternehmen und dem Staat. Schon in dieser frühen Phase waren die Wurzeln des Unternehmens militaristisch geprägt. Mit oft verdeckten Subventionen wurde die nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland verbotene Luftwaffe heimlich aufgebaut. Das Unternehmen wandte sich früh der NSDAP zu und finanzierte bereits in den 1920er-Jahren Hermann Göring, der später Chef der Luftwaffe werden sollte.
Zwangsarbeiter und Kriegsdienst
Die Verstrickung in das NS-Regime reichte tief. Der Putsch des Faschisten Franco in Spanien wurde logistisch erst durch Lufthansa-Transporte möglich. Militärs übten bei scheinbar zivilen Frachtflügen Nacht- und Blindflugtechniken. Im Zweiten Weltkrieg konzentrierte sich Lufthansa auf Reparatur und Wartung für die Luftwaffe. Zeitweise bestand bis zur Hälfte der Belegschaft aus Zwangsarbeitern – darunter auch zwölfjährige Kinder.
Diese Fakten legte der Historiker Lutz Budraß bereits vor zehn Jahren öffentlich dar. Budraß hatte zunächst im Auftrag der Lufthansa deren Zwangsarbeitergeschäfte untersucht – seine Studie wurde jedoch zunächst gar nicht und erst 15 Jahre später versteckt veröffentlicht. Sein Standardwerk „Adler und Kranich" erarbeitete er schließlich ohne Zugang zum Unternehmensarchiv und ohne jegliche Unterstützung des Konzerns.
Die heutige Deutsche Lufthansa AG wurde erst 1953 neu gegründet. Das Management behandelte die Ursprungs-Lufthansa lange Zeit so, als bestehe keinerlei Verbindung zum heutigen Unternehmen. Wirtschaftspresse und Fachleute, darunter Budraß selbst, berichten seit Jahren von einem „einzigartig schwierigen Verhältnis zur eigenen Geschichte".
Lücken in der offiziellen Darstellung
Seit fast vier Jahrzehnten lassen Großunternehmen – beginnend mit der Volkswagen AG – ihre Geschichte fachkundig erforschen. Umfangreiche Studien zu Industrieunternehmen, Banken und Unternehmerfamilien füllen mittlerweile ganze Schrankwände. Die Deutsche Lufthansa hat bislang keine tiefschürfende Studie zur eigenen Unternehmensgeschichte ermöglicht.
Zum Jubiläum erschien das reich bebilderte Buch „Die ersten 100 Jahre". Bei dessen Vorstellung lobte Andrea Schneider-Braunberger, Geschäftsführerin der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte: „Lufthansa ist eines der ersten Unternehmen, das sich ernsthaft mit dem Thema auseinandergesetzt hat." Vorstandsvorsitzender Carsten Spohr schreibt im Vorwort, das Buch würdige „ein Jahrhundert voller Innovationen, Pioniergeist und unzähliger Geschichten, die Menschen weltweit miteinander verbindet."
Auf der Konzern-Homepage findet sich eine Darstellung, die auch an Verbrechen in der NS-Zeit erinnert und zu einer längeren Sonderseite führt. Auf der populären Buchungsseite hingegen klafft zwischen den Jahren 1930 und 1950 ein deutliches Loch. An einer Stelle heißt es lediglich, die Lufthansa sei „vom NS-Regime instrumentalisiert" worden – eine Formulierung, die Kritiker als verharmlosend betrachten dürften.
Selektiver Umgang mit dem Erbe
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Zur AktienanalyseBesonders augenfällig wird der selektive Umgang mit der Geschichte beim legendären Flugzeug Ju-52. Das Modell wird in einer neuen Ausstellung im Unternehmensmuseum präsentiert. Lufthansa-Chef Spohr erklärte, die Ju-52 habe schon immer „zur Heritage", also zum Erbe der Lufthansa gehört. Historiker Budraß beschreibt jedoch, dass die Ju-52 in den 1930er-Jahren der Kern des getarnten Aufbaus der Nazi-Luftwaffe war: „Die Ju-52 trugen zwar den Kranich am Bug und wurden in den Anlagen der Lufthansa abgestellt, doch die Lufthansa duldete es, dass die Ju-52 der getarnten Luftwaffe als ihre ausgewiesen wurden."
Wenn es um die nationalistische und nationalsozialistische Geschichte geht, spricht das Unternehmen gerne distanziert von „der ersten Lufthansa". Bei Modeschauen von Uniformen für Flugbegleiterinnen hingegen greifen die Marketing-Manager bereitwillig auf die hundertjährige Tradition zurück. Dieser Widerspruch zwischen selektiver Identifikation und strategischer Distanzierung prägt das Jubiläumsjahr.
Die Nachkriegs-Lufthansa stellte sich von Beginn an mit demselben Gründungstag in die Tradition der ersten Lufthansa. Alte Nazis aus dem früheren Management wurden in die neue Gesellschaft übernommen. Einer parallelen Neugründung in der DDR wurden die Namensrechte streitig gemacht – diese Fluggesellschaft setzte ihren Betrieb schließlich als Interflug fort. Das Jubiläum wirft damit nicht nur Fragen zur Geschichte auf, sondern auch zur Glaubwürdigkeit eines Konzerns, der Aufarbeitung predigt, sie aber nur selektiv betreibt.


