Linde und Air Liquide profitieren vom KI-Boom: Gewinne übertreffen Erwartungen
Beide Industriegasehersteller legen im dritten Quartal zu, Linde hebt die Gewinnprognose an und setzt auf Gase für KI-Chips.

Der KI-Boom erreicht die Industriegasbranche mit voller Wucht. Linde und Air Liquide, die beiden weltgrößten Hersteller von Industriegasen, haben im dritten Quartal die Erwartungen der Analysten übertroffen. Den Ausschlag gab die kräftig steigende Nachfrage nach Gasen für KI-Hochleistungschips.
Linde, der amerikanisch-deutsche Marktführer der Branche, meldete am Donnerstag einen bereinigten Gewinn je Aktie von 4,59 Dollar. Das entspricht einem Plus von neun Prozent und liegt über der Analystenerwartung von 4,52 Dollar. Auch der Umsatz wuchs um neun Prozent auf 9,4 Milliarden Dollar.
Der französische Konzern Air Liquide steigerte seinen Umsatz um drei Prozent auf 7,26 Milliarden Euro. In der Elektroniksparte fiel das Wachstum mit zwölf Prozent deutlich stärker aus. Bei Linde legte der Umsatz mit der Elektronikindustrie sogar um 15 Prozent zu.
Die Details
Bei Linde zog vor allem das Geschäft mit der Halbleiterindustrie an. Bereits im Juli hatte das Unternehmen einen Langfristvertrag über hochreine Industriegase mit einem Halbleiterhersteller abgeschlossen. Solche Verträge laufen über viele Jahre und sichern dem Gaskonzern planbare Erlöse, weil die Abnehmer auf eine unterbrechungsfreie Versorgung angewiesen sind.
Für das laufende Jahr hob Linde die Gewinnprognose leicht an. Der bereinigte Gewinn je Aktie soll nun zwischen 17,82 und 17,92 Dollar liegen, nach bisher 17,70 bis 17,90 Dollar. Das entspricht einem Gewinnplus von acht bis neun Prozent. Als Grund für die Anhebung nannte das Unternehmen größeren Rückenwind durch Wechselkurseffekte.
Air Liquide setzt parallel auf Zukäufe und neue Kapazitäten. Der Konzern übernimmt DIG Airgas für 2,85 Milliarden Euro. Zudem baut das Unternehmen angesichts des KI-Booms ein neues Werk in Taiwan, einem der wichtigsten Standorte der globalen Chipfertigung.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die Industriegasbranche ist seit Monaten im Aufwind. Bereits am 19.02.2026 berichtete aktien.news, dass die Investmentbank Bernstein die großen Industriegase-Konzerne vor einem Jahrzehnt mit überdurchschnittlichem Wachstum sieht. Treiber sei die stark steigende Nachfrage nach Raketenstarts, wobei besonders der kommerzielle Raumfahrtmarkt zusätzliche Dynamik bringe. Bernstein bekräftigte seine "Outperform"-Einstufung für Air Liquide.
Am 11.02.2026 berichtete aktien.news über Siemens Energy, das im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2025/26 einen Nettogewinn von 746 Millionen Euro erzielte und damit die Analystenerwartung von 732 Millionen Euro übertraf. Der Energietechnikkonzern profitiert vom KI-Boom, weil Gasturbinen und Netztechnik für den Ausbau von Rechenzentren gebraucht werden. Das zeigt, wie breit die KI-Nachfrage inzwischen in die Industrie ausstrahlt.
Ein zweiter Strang der Berichterstattung betrifft die Versorgungslage. Am 02.04.2026 berichtete aktien.news über die Helium-Versorgungskrise: Durch den Iran-Krieg war etwa ein Drittel des weltweiten Heliumangebots aus Katar weggefallen. Helium gilt als unverzichtbar für die Halbleiter- und Chipproduktion. Die drei größten Heliumlieferanten weltweit sind Air Liquide, Linde und Air Products and Chemicals.
Am 18.03.2026 berichtete aktien.news, dass der US-Konzern Air Products die Folgen des Nahostkonflikts im Europageschäft spürt. CEO Eduardo Menezes erklärte auf einer JPMorgan-Konferenz, vor allem breit gestiegene Energiekosten belasteten das Geschäft. Größere Unterbrechungen der eigenen Produktion blieben bislang aus.
Was das für Anleger bedeutet
Der bereinigte Gewinn je Aktie ist die zentrale Kennzahl, an der Analysten Industriegaskonzerne messen. Sondereffekte wie Restrukturierungskosten oder Abschreibungen werden herausgerechnet, damit das operative Ergebnis über die Zeit vergleichbar bleibt. Anleger sollten deshalb nicht nur auf die ausgewiesene Zahl schauen, sondern auch darauf, ob das Wachstum aus dem operativen Geschäft oder aus Sondereffekten stammt.
Auffällig ist die Kluft zwischen Gesamtgeschäft und Elektroniksparte. Während Linde insgesamt um neun Prozent und Air Liquide um drei Prozent zulegten, wuchsen die Elektronikbereiche mit 15 beziehungsweise zwölf Prozent. Das Elektronikgeschäft ist damit der Wachstumsmotor, macht aber nur einen Teil des Konzernumsatzes aus. Die Aktie bleibt also weiterhin stark vom breiteren Industrie- und Medizingeschäft abhängig.
Der von Linde genannte Wechselkurseffekt verdient Beachtung. Währungseinflüsse können Gewinne kurzfristig heben oder drücken, ohne dass sich das operative Geschäft verändert. Wer die Prognoseanhebung einordnen will, sollte daher im Blick behalten, dass ein Teil des Rückenwinds nicht aus zusätzlichem Absatz stammt.
Hinzu kommt die Angebotsseite. Die Helium-Krise aus dem Frühjahr zeigt, wie anfällig die Versorgung mit Industriegasen gegenüber geopolitischen Konflikten ist. Für die großen Anbieter kann ein knappes Angebot Preisspielraum schaffen, zugleich steigen aber die Energiekosten, wie das Beispiel Air Products zeigt. Beide Effekte wirken in unterschiedliche Richtungen.
Ausblick
Für das vierte Quartal hat Linde ein Gewinnwachstum von fünf bis sieben Prozent und einen bereinigten Gewinn je Aktie von 4,40 bis 4,50 Dollar in Aussicht gestellt. Auf Jahressicht peilt der Konzern 17,82 bis 17,92 Dollar je Aktie an, ein Plus von acht bis neun Prozent.
Air Liquide hat mit DIG Airgas eine Übernahme mit einem Kaufpreis von 2,85 Milliarden Euro angekündigt und baut angesichts des KI-Booms ein neues Werk in Taiwan. Beide Schritte zielen auf zusätzliche Kapazität und Marktanteile in der Chipversorgung.
Aus dem Archiv stützt Bernstein die Branche: Die Investmentbank sieht die Industriegase-Konzerne vor einem Jahrzehnt mit überdurchschnittlichem Wachstum und hält an ihrer "Outperform"-Einstufung für Air Liquide fest. Ob sich diese Erwartung erfüllt, hängt maßgeblich davon ab, wie nachhaltig die Nachfrage nach Gasen für KI-Hochleistungschips bleibt.
Kurz erklärt
- Bereinigter Gewinn je Aktie: Gewinn pro Aktie ohne Sonderposten, damit verschiedene Berichtsperioden vergleichbar bleiben.
- Hochreine Industriegase: Gase in extrem hoher Reinheit, die für die Herstellung von Halbleitern benötigt werden.
- Wechselkurseffekte: Veränderungen von Währungskursen, die Umsatz und Gewinn eines Konzerns beeinflussen, ohne dass sich das operative Geschäft ändert.
