Leeres Versprechen? Cannabis-Legalisierung lässt auf sich warten
Lauterbach war früher gegen die Legalisierung. Jetzt steht er unter Druck, das Prestige des Ampelprojekts voranzutreiben

Es klang eigentlich wie ein Versprechen, das während des gesamten Wahlkampfs gemacht wurde, vor allem gegenüber jungen Wählern: Cannabis würde SOFORT legalisiert werden. Doch das Prestigeprojekt der Ampelkoalition kommt nur langsam voran. Mit Absicht?
Es ist nämlich immer noch kein Gesetzentwurf in Sicht. Karl Lauterbach, der Gesundheitsminister, möchte, dass die EU-Kommission zunächst die Hauptargumente für die Legalisierung von Marihuana überprüft. Die Regelung könnte ja gegen EU-Recht verstoßen! Immerhin hat sich Deutschland im Rahmen des Schengener Abkommens verpflichtet, "den Verkauf und Handel von Cannabis auf dem Schwarzmarkt zu verhindern".
Aber der Druck nimmt zu, vor allem von der FDP. Die Liberalen befürworten eine rasche Umsetzung des Plans. Christian Lindner, der Vorsitzende der FDP, bejaht die Frage auf Twitter Ende September, ob Cannabis legal sein werden. Anfang Oktober, kurz vor den Landtagswahlen in Niedersachsen, wirbt FDP-Justizminister Marco Buschmann vollmundig auf Instagram, wo er garantiert junge Wähler erreicht: "Wir machen den Dealer arbeitslos."
Der Gesundheitsminister versucht dann Ende Oktober die Quadratur des Kreises. Lauterbach war früher gegen die Legalisierung. Jetzt steht er unter Druck, das Prestige des Ampelprojekts voranzutreiben. Für den Minister, der aufgrund seines Amtes den Gesundheitsschutz an erste Stelle setzen muss, ist das ein Balanceakt. In den grundlegenden Gesetzesdokumenten, für deren Erstellung Lauterbachs Regierung zuständig ist, heißt es derzeit: Der Staat soll den Anbau und die Verwendung regeln. In lizenzierten Fachgeschäften wird der Verkauf nur an Erwachsene erlaubt sein. Es wird mit einer Höchstmenge von 20 bis 30 Gramm gerechnet. Außerdem wird es erlaubt sein, drei Pflanzen für den persönlichen Gebrauch anzubauen.
Lauterbach wird nicht müde zu betonen, dass er seine Meinung schon vor langer Zeit geändert hat - zumindest bevor sich die anderen Mitglieder der Ampelkoalition für die Legalisierung entschieden haben. Nicht, weil er nicht mehr glaubt, dass der Konsum irgendwelche medizinischen Risiken birgt. Aber er behauptete, dass er nach Gesprächen mit Ermittlern zu dem Schluss gekommen sei, dass die vorherige Verbotspolitik ineffektiv gewesen sei. Das aktuelle Ziel ist es, den illegalen Markt zu bekämpfen und dabei den Gesundheits-, Kinder- und Jugendschutz zu verbessern.
Lauterbach geht aber auch davon aus, dass die Legalisierung den Konsum reduzieren wird. Er macht keinen Versuch zu erklären, wie das funktionieren soll. Zumal die Verbündeten der Koalition davon nichts wissen wollen. Die drogenpolitische Sprecherin der FDP, Kristine Lütke, ergänzt: "Ich sehe das wirklich anders."
Sie befürwortet die individuelle Verantwortlichkeit und ist gegen eine Beschränkung der Besitzmenge. Die drogenpolitische Sprecherin der Grünen, Kirsten Kappert-Gonther, ist ebenfalls skeptisch. Sie hält es für zweifelhaft, dass die regulierte Freigabe Erwachsene dazu veranlassen wird, weniger zu konsumieren.
Wenn es also darum geht, für eine Legalisierung zu plädieren, verstrickt sich die Koalition bereits in Ungereimtheiten. Und das Eckpunktepapier schweigt sich über entscheidende Details völlig aus. Zum Beispiel bei der Frage, ob mit Cannabis angereicherte "Esswaren" legal sein sollten und ob Kunden die Möglichkeit haben sollten, sie online zu bestellen. Dies wird von den Grünen und der FDP unterstützt. Cannabis sollte in Gegenden, in denen es keine zugelassenen Fachgeschäfte gibt, über das Internet bestellt werden können, meint die Grünen-Abgeordnete Kappert-Gonther. Sie teilt diese Meinung mit ihrer liberalen Kollegin Lütke. Wenn nicht, sagt sie, ist es immer noch einfacher, den Dealer persönlich zu besuchen oder ihm eine SMS zu schreiben. Das Ziel, den Einfluss des illegalen Marktes zu minimieren, ist dann verloren.
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Zur AktienanalyseDie Menge an THC, dem psychoaktiven Bestandteil von Cannabis, die Personen unter 21 Jahren konsumieren dürfen, wurde ebenfalls nicht festgelegt. Das liegt daran, dass Cannabis bei jungen Erwachsenen potenziell zu Psychosen und Hirnschäden führen kann. Deshalb raten Suchtexperten oft von einer Freigabe ab 18 ab. Timo Krüger gibt zu bedenken, dass die Entwicklung des Gehirns erst mit Mitte 20 vollständig abgeschlossen ist und dass dies eine besonders anfällige Zeit für das Auftreten psychischer Krankheiten ist.
Der Experte für Psychiatrie und Psychotherapie hat keine starke Meinung gegen eine Legalisierung. Krüger stimmt zu, dass die bisherige Verbotsstrategie ineffektiv war. Trotzdem gibt es mehr Therapien und die Nutzung hat zugenommen. Der Arzt könnte sich eine Entkriminalisierung und eine geplante, überwachte Freigabe ab 21 Jahren vorstellen. Der Suchtexperte hält die Ambitionen der Ampel jedoch für übertrieben. Nehmen wir als Beispiel die geplante Höchstverkaufsmenge von 20-30 Gramm. Zu viel, wie Krüger findet. Eine solche Menge ermutigt zum täglichen Konsum. Und wenn es sich um eine kontrollierte Freisetzung mit der Absicht handelt, die menschliche Gesundheit zu schützen, rät der Arzt davon ab, genau das zu tun.
Es ist ungewiss, ob Lauterbach die EU-Kommission davon überzeugen kann, dass eine Legalisierung den Gesundheitsschutz erhöhen würde. Der Gesundheitsminister entfernt sich diskret aus der Gefahrenzone. Lauterbach erklärt in der ersten Novemberwoche im ZDF: "Wenn das zum Beispiel von der EU-Kommission so nicht akzeptiert wird, dann bin ich nicht mehr derjenige, der das Gesetz schreibt."


