Lagarde: Europas Resilienz gibt EZB mehr Spielraum bei Zinsentscheidungen
EZB-Präsidentin Lagarde sieht die Eurozone besser gewappnet gegen Inflationsschocks – und die Zentralbank handlungsfähiger denn je.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat auf dem EZB-Forum über Zentralbankwesen im portugiesischen Sintra die gestiegene wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit der Eurozone hervorgehoben. Diese Resilienz ermögliche es der Europäischen Zentralbank, die Zinsen leichter anzuheben, ohne dabei finanziellen Stress auszulösen. Die Eurozone mit ihren 21 Mitgliedstaaten stehe in den kommenden Jahren vor einer wachsenden Zahl von Inflationsschocks.
Lagarde betonte, dass die Entscheidungsträger künftig häufiger vor einem schwierigen Dilemma stehen werden: Sollen sie Preisvolatilität schlicht ignorieren oder entschlossen gegensteuern? Die richtige Antwort in dieser sogenannten Grauzone zu finden, erfordere Innovationen seitens der EZB. Die Bank werde sich dabei auf die Neuerungen der vergangenen Jahre stützen.
EZB als erste große Zentralbank mit Zinserhöhung
Die EZB war im Juni die weltweit erste große Zentralbank, die die Zinsen als Reaktion auf den durch den Iran-Krieg ausgelösten Energieschock anhob. Die Währungshüter debattieren nun, ob ein weiterer Zinsschritt notwendig ist, um den Preisdruck nachhaltig einzudämmen. Dieser Schritt unterstreicht die neue Handlungsfähigkeit der Notenbank in einem volatilen globalen Umfeld.
„Während wir wahrscheinlich häufiger mit Schocks konfrontiert sein werden, die die Inflation von unserem Zielwert entfernen, bedeutet die von Europa aufgebaute Resilienz, dass deren Auswirkungen auf unsere Wirtschaft begrenzter sind", sagte Lagarde. Sie fügte hinzu: „Wir könnten uns daher öfter in einer Zwischenzone befinden – zwischen Schocks, über die wir hinwegsehen können, und solchen, auf die wir mit Nachdruck reagieren müssen."
Verbessertes Instrumentarium und modernere Datenanalyse
Die gestiegene Widerstandsfähigkeit der Eurozone ist laut Lagarde das Ergebnis mehrerer Faktoren. Dazu zählen das erweiterte Instrumentarium der EZB, die verbesserte Finanzarchitektur der Eurozone sowie Instrumente wie die gemeinsame Bankenaufsicht. Diese strukturellen Verbesserungen bilden das Fundament für eine reaktionsfähigere Geldpolitik.
Darüber hinaus nutzt die EZB nun Fortschritte in der Datenauswertung, um sich ein Echtzeitbild der Wirtschafts- und Preisentwicklungen zu verschaffen. Die Notenbank habe zudem massiv in die Verbesserung ihrer Prognosen investiert, die sich angesichts der Volatilität der vergangenen Monate als zuverlässig erwiesen hätten. „Wir können unsere Prognosen kontinuierlich mit den eingehenden Daten abgleichen, um zu prüfen, ob sie noch zutreffen, damit wir uns nicht auf veraltete Vorhersagen verlassen müssen", erklärte Lagarde.
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Zur AktienanalyseFinanzmärkte nehmen EZB-Entscheidungen vorweg
Ein weiterer Vorteil des modernen geldpolitischen Rahmens: Die Finanzmärkte preisen Maßnahmen bereits ein, lange bevor die eigentliche Politik geändert wird. Dies verschafft der EZB wertvolle Zeit zum Handeln, ohne unter Zugzwang zu stehen. So hatten die Märkte die Zinserhöhung vom Juni bereits antizipiert, bevor die EZB den entscheidenden Schritt vollzog.
Dieser Vorlauf habe den Entscheidungsträgern die Möglichkeit gegeben, die Datenlage in Ruhe zu sichten und eine fundiertere Entscheidung zu treffen, so Lagarde. Für deutsche Anleger und Sparer bedeutet dies: Die EZB agiert zunehmend datengetrieben und kommunikativ vorausschauend – ein Ansatz, der Stabilität signalisieren soll, auch wenn die Unsicherheiten im globalen Umfeld weiter zunehmen.


