Kritische Mineralien: Reshoring scheitert an fehlenden Verarbeitungskapazitäten
Nicht der Bergbau, sondern die Raffinierung ist das eigentliche Hindernis beim Reshoring kritischer Mineralien – so eine führende Bergbauanwältin.

Westliche Regierungen riskieren, bei der Rückverlagerung kritischer Mineralien-Lieferketten zu scheitern – und zwar nicht wegen mangelnder Bergbaukapazitäten, sondern wegen fehlender Verarbeitungsinfrastruktur. Das ist die zentrale These von Rebecca Seidl-Inglesby, Leiterin der Praxisgruppe für kritische Mineralien und Metalle bei der internationalen Anwaltskanzlei Baker Botts. Die Expertin bringt dabei Erfahrung von beiden Seiten des Tisches mit: Vor ihrem Wechsel zu Baker Botts im Jahr 2024 war sie bei BHP tätig, wo sie zunächst US-Schiefergas-Assets betreute und später von Santiago aus an Kupferexplorationen und Joint Ventures in ganz Südamerika arbeitete.
Das Kernproblem liegt laut Seidl-Inglesby im Zeitfaktor. Eine durchschnittliche Kupfermine benötigt von der Entdeckung bis zur ersten Produktion rund 17 Jahre. In den USA können Genehmigungsverfahren diesen Zeitraum sogar auf fast 30 Jahre ausdehnen. Die industrielle Nachfrage hingegen entwickelt sich in einem völlig anderen Rhythmus. „Wenn jemand sagt, die Lieferkette müsse umgeleitet werden, wird der Rohstoffbedarf in diesem Satz in Jahrzehnten gemessen, die Nachfrage selbst jedoch in Quartalen", erklärte Seidl-Inglesby im The Northern Miner Podcast.
Chinas Dominanz in der Verarbeitung
Die eigentliche Abhängigkeit vom chinesischen System liegt nicht im Bergbau, sondern in der Raffinierung. China verarbeitet etwa die Hälfte des weltweiten Kupfers und rund 90 Prozent der globalen Seltenen Erden. Das bedeutet in der Praxis: Selbst wenn ein Erz in den USA gefördert wird, kann es dennoch in chinesische Anlagen transportiert werden müssen, bevor es zu einem nutzbaren Material wird.
Der Aufbau westlicher Trennungs- und Raffinationskapazitäten ist teuer, langsam und ökologisch anspruchsvoll. Hinzu kommt ein weiteres Hindernis: Selbst nach der Inbetriebnahme einer neuen Anlage benötigen Hersteller unter Umständen 18 Monate bis zwei Jahre, um deren Produktion zu qualifizieren, bevor sie diese tatsächlich abnehmen. Solange sich Verarbeitungskapazitäten und qualifizierte Abnehmer nicht parallel zur Förderung entwickeln, bleibt neue Produktion von derselben Downstream-Infrastruktur abhängig, die ersetzt werden soll.
Regierungen werden zu kommerziellen Akteuren
Die folgenreichste Veränderung der letzten zwei Jahre sieht Seidl-Inglesby im Wandel westlicher Regierungen: Sie treten nicht mehr nur als Fördermittelgeber auf, sondern als kommerzielle Vertragspartner. Regierungen gehen Beteiligungen ein, garantieren Abnahmen, legen Preisuntergrenzen fest und bauen strategische Lagerbestände auf. Das eigentliche Hindernis für viele strategische Projekte sei nämlich nicht das Baukapital, sondern die fehlende Ertragssicherheit.
Die USA haben diese Instrumente über das Energie-, Verteidigungs- und Handelsministerium ausgeweitet – darunter bundesstaatliche Kreditprogramme und das Office of Strategic Capital des Energieministeriums. Als Vorbild für diesen neuen Ansatz nennt Seidl-Inglesby MP Materials (NYSE: MP): Das Pentagon kombinierte eine Preisuntergrenze und eine zehnjährige Abnahmevereinbarung mit einem Darlehen und einer Eigenkapitalbeteiligung und wurde so zum größten Aktionär des Unternehmens. Seidl-Inglesby erwartet, dass Elemente dieser Struktur künftig auch bei anderen Geschäften mit strategischen Mineralien auftauchen werden.
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Zur AktienanalyseSolche staatlichen Interventionen sind jedoch an Bedingungen geknüpft, die Unternehmen genau prüfen müssen. Staatliche Investitionen können Rückforderungsklauseln (sogenannte Clawback-Bestimmungen), Anforderungen an den Inlandsanteil, Übertragungsbeschränkungen sowie Zustimmungsrechte durch „Golden Shares" beinhalten – allesamt Faktoren, die künftige Transaktionen erheblich beeinflussen können. Unternehmen prüfen staatliches Eigenkapital aufgrund dieser Verpflichtungen laut Seidl-Inglesby zunehmend so sorgfältig wie Fremdkapital.
Die Kritik, dass Regierungen dabei „Gewinner auswählen", greife ihrer Ansicht nach zu kurz: Sie setzt voraus, dass ein funktionierender Markt existiert, der verzerrt werden könnte. Bei kritischen Mineralien findet die Preisbildung jedoch in einem undurchsichtigen System statt, das stark von einem dominanten staatlichen Akteur geprägt wird – womit Seidl-Inglesby auf Chinas marktbeherrschende Stellung anspielt.


