KPMG Australien: Formelle ASIC-Untersuchung wegen Audit-Leak-Vorwürfen
Die australische Finanzaufsicht ASIC ermittelt offiziell gegen drei KPMG-Partner wegen des mutmaßlichen Missbrauchs vertraulicher Vorstandsdokumente.

Die australische Wertpapier- und Investitionskommission ASIC hat ihre Untersuchung gegen KPMG Australien auf eine neue Stufe gehoben. Was als vorläufige Prüfung begann, ist nun zu einer formellen Ermittlung wegen mutmaßlichen Berufsvergehen eskaliert. Im Mittelpunkt stehen Vorwürfe, dass vertrauliche Vorstandsdokumente des Immobilienunternehmens Lendlease von KPMG-Partnern missbraucht wurden, um lukrative Prüfungsaufträge bei Westpac und Dexus zu sichern.
ASIC-Vorsitzende Sarah Court bestätigte die Formalisierung der Untersuchung während einer Anhörung vor einem Senatsausschuss. Die Behörde prüft derzeit das Verhalten von drei registrierten Unternehmensabschlussprüfern innerhalb der Kanzlei. Namentlich bekannt sind die KPMG-Partner Paul Rogers und Eileen Hoggett, die im März von Senatorin Deborah O'Neill als leitende Partner des Lendlease-Prüfungsteams benannt worden waren. Die Identität des dritten Prüfers unter Untersuchung wurde bislang nicht offengelegt.
Court beschrieb die Situation als ein „sich ständig veränderndes Bild" und deutete an, dass der Umfang der Untersuchung mit dem Auftauchen neuer Informationen weiter wachsen könnte. Die Behörde hat im Laufe der Ermittlungen bereits mehrere Zwangsanordnungen an KPMG ausgestellt. Trotz der Schwere der Vorwürfe verwies Court auf eine wesentliche Einschränkung: Nach geltendem australischen Recht sind die Durchsetzungsbefugnisse der ASIC auf einzelne Prüfer beschränkt und erstrecken sich nicht auf die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft als solche – eine Folge der Partnerschaftsstruktur des Unternehmens.
Führungskrise und interne Aufarbeitung
Der Skandal hat bei KPMG Australien zu erheblichen personellen Konsequenzen geführt. Sowohl der CEO als auch der Leiter der Prüfungsabteilung traten vergangene Woche zurück. Eine zunächst intern durchgeführte Überprüfung hatte die Vorwürfe nicht bestätigt. Angesichts der Eskalation hat die Kanzlei nun die Anwaltskanzlei Allens mit einer unabhängigen externen Untersuchung beauftragt.
Eileen Hoggett hat inzwischen ihre Führungsrolle als Chief Operating Officer niedergelegt, bleibt jedoch weiterhin als Prüfungspartnerin bei der Kanzlei tätig. Sowohl Rogers als auch Hoggett haben sich bislang nicht öffentlich zu den Vorwürfen geäußert.
Kunden überdenken ihre Beziehungen zu KPMG
Die Ermittlungen haben unter KPMGs namhaften Unternehmens- und Behördenkunden eine Welle der Beunruhigung ausgelöst. Viele prüfen derzeit ihre Geschäftsbeziehungen mit der Kanzlei neu. Diese Reaktion erinnert an die Stimmung während des PwC-Australien-Skandals im Jahr 2023, bei dem vertrauliche Regierungsinformationen missbraucht worden waren.
Konkrete Konsequenzen zeichnen sich bereits ab:
Dexus:
Das Immobilienunternehmen gab bekannt, dass seine Jahresabschlüsse für 2026 nicht mehr von Hoggett unterzeichnet werden.
Reserve Bank of Australia (RBA):
Notenbankgouverneurin Michele Bullock bestätigte, dass die Zentralbank KPMG nicht für ihren Whistleblower-Servicevertrag neu beauftragt. Zudem beabsichtigt die RBA, einen weiteren laufenden KPMG-Vertrag für die Auslandsrekrutierung neu auszuschreiben.
REST:
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Zur AktienanalyseDer australische Pensionsfonds mit einem Volumen von 105 Milliarden australischen Dollar hat KPMG offiziell um Aufklärung zu dem Skandal gebeten und seine Besorgnis über die öffentlichen Berichte zum Ausdruck gebracht.
ASIC sichert eigene Verträge ab
Auch die Aufsichtsbehörde selbst ergreift Schutzmaßnahmen. ASIC-CEO Scott Gregson bestätigte, dass die Behörde von KPMG die Zusicherung eingeholt hat, dass keine der aktuell in den Skandal verwickelten Partner an laufenden Verträgen mit der ASIC beteiligt sind.
Der aktuelle Fall stellt KPMG Australien vor eine doppelte Herausforderung: regulatorischen Druck einerseits und drohenden Vertrauensverlust bei Kunden andererseits. Die Kanzlei hat es weitgehend vermieden, sich zu den laufenden Ermittlungen zu äußern, und verweist stattdessen auf den externen Überprüfungsprozess durch Allens. Im Fokus bleibt die Frage, ob die Untersuchungsergebnisse zu individuellen Sanktionen gegen die betroffenen Prüfer führen werden und ob der breitere Schaden strukturelle Veränderungen in der Unternehmensführung der Kanzlei erfordern wird.


