KI-native Kanzleien und MSO-Strukturen revolutionieren den US-Rechtsmarkt
Neue Finanzstrukturen und künstliche Intelligenz treiben eine Welle experimenteller Geschäftsmodelle im weltgrößten Rechtsmarkt voran.

Eine innovative Finanzstruktur verändert den US-amerikanischen Rechtsmarkt grundlegend. Sogenannte „Management Services Organisations" (MSOs) ermöglichen es neuen Kanzleien, Kapital aus Quellen zu erschließen, die traditionellen US-Anwaltskanzleien bislang verschlossen blieben – darunter Private Equity, Venture-Fonds und technologieaffine Unternehmer. Gleichzeitig treibt der Aufstieg generativer KI eine neue Generation von Start-ups hervor, die das klassische Kanzleimodell von Grund auf neu denken.
US-amerikanische Anwaltskanzleien dürfen nach berufsrechtlichen Regeln keine Nicht-Anwälte als Gesellschafter aufnehmen. Diese Vorschriften sollen verhindern, dass wirtschaftliche Interessen die juristische Beratung beeinflussen. Die MSO-Struktur umgeht diese Einschränkung, indem sie eine Kanzlei faktisch in zwei Teile aufteilt: Ein anwaltsgeführtes Unternehmen konzentriert sich ausschließlich auf die juristische Fallarbeit, während die MSO das geistige Eigentum – einschließlich Technologie – sowie alle Back-Office-Funktionen übernimmt und dabei offen für externe Investoren ist.
MSO-Modell: Vom Gesundheitswesen in den Rechtsmarkt
Die MSO-Struktur ist nicht neu. Private-Equity-Gesellschaften nutzen sie bereits seit Jahren, um Arztpraxen und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften zu erwerben – ebenfalls Branchen mit strengen Berufsregeln. Im US-Rechtsmarkt wurde das Modell zunächst von Kanzleien für Personenschäden eingeführt und wird nun zunehmend von technologiegetriebenen Neugründungen übernommen.
Peter Sacripanti, langjähriger ehemaliger Co-Vorsitzender der Kanzlei McDermott Will & Emery, baut mit Broadfield einen solchen Herausforderer auf. Die Finanzierung stammt von den Gründern der auf Private Equity spezialisierten US-Beratungsgruppe Alvarez & Marsal, die sich eine Muttergesellschaft mit der MSO von Broadfield, SHP Legal Services, teilt. „Angesichts der Endlosschleife ständig steigender Honorare preisen sich Anwaltskanzleien – sofern sie ihr Modell nicht ändern – selbst aus dem Markt aus", sagt Sacripanti. „Wenn man das mit den wachsenden Fähigkeiten der KI kombiniert und bedenkt, was diese leisten sollte, um den Mandanten einen Mehrwert zu bieten, ist es Zeit für eine Veränderung."
KI-native Kanzleien als neue Konkurrenz
Besonders auffällig ist der Aufstieg sogenannter „KI-nativer" Kanzleien – Firmen, die KI-Agenten anstelle von Junganwälten einsetzen. Ein Beispiel ist Norm Law, eine weniger als ein Jahr alte Kanzlei mit Sitz im One World Trade Center in New York, die Asset Manager und Finanzdienstleistungskunden betreut. Sie ist ein Ableger des Legal-Tech-Unternehmens Norm AI, das seit drei Jahren KI-Agenten für juristische Aufgaben entwickelt.
Die Technologie von Norm AI – einschließlich Due-Diligence- und Compliance-Prozessen – wird von sogenannten „Legal Engineers" entwickelt, die von großen Kanzleien abgeworben wurden und juristische sowie technologische Fähigkeiten vereinen. Die Anwälte von Norm Law setzen diese Werkzeuge dann direkt bei der Beratung von Rechtsabteilungen in der Finanzbranche ein. Mike Schmidtberger, Vorsitzender von Norm Law, der die Rolle im Januar 2026 nach 35 Jahren bei Sidley Austin – davon sieben als Vorsitzender des Exekutivkomitees – übernahm, beschreibt das Versprechen klar: Norm Law wolle die Kosten einer traditionellen Kanzlei bei routinemäßigen Unternehmensaufgaben erreichen oder unterbieten.
Schmidtberger grenzt das Modell bewusst vom klassischen Big-Law-Ansatz ab, bei dem „eine riesige Anzahl junger Anwälte eingestellt und dann ständig ausgesiebt wird". Sein Fazit zur Lage der Branche: „Ich weiß nur, dass Stillstand eine sehr schlechte Strategie ist."
Big Law reagiert – aber auch die Etablierten investieren
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Zur AktienanalyseAuch die etablierten Großkanzleien bleiben nicht untätig. Kirkland & Ellis, die umsatzstärkste Anwaltskanzlei der Welt, kündigte an, 500 Millionen US-Dollar für die Entwicklung einer eigenen KI-Plattform bereitzustellen. Zudem schloss die Kanzlei eine mehrjährige Vereinbarung mit dem US-Technologieunternehmen Palantir, um Technologien zur Beratung von Private-Equity-Gesellschaften bei der Mittelbeschaffung zu entwickeln.
Sacripantis frühere Kanzlei – heute McDermott Will & Schulte – erwägt ihrerseits eine Umwandlung in eine MSO-Struktur, unter anderem um Kapital für Technologieinvestitionen zu beschaffen. Josh Porte, Partner bei Holland & Knight und Berater bei mehr als einem Dutzend MSO-Deals, sieht einen klaren Zusammenhang: „Es ist kein Zufall, dass das Interesse an der Struktur im Jahr 2025 explodierte, etwa zur gleichen Zeit wie die generative KI." Das Modell sei „präzisionsgefertigt" für KI-native Kanzleien, da es eine enge Zusammenarbeit zwischen Geschäftsleuten, Softwareentwicklern, Technikern und Anwälten ermögliche.
Branchenführungskräfte erwarten zudem, dass KI-gestützte Rechtsberatung künftig zunehmend auf Basis des Mehrwerts für den Mandanten abgerechnet wird – und nicht mehr nach Stunden. Damit würden etablierte Kanzleien direkt in den Wettbewerb mit den neuen Start-ups treten, die genau dieses Versprechen bereits heute in den Mittelpunkt ihres Geschäftsmodells stellen.


