KI-Kostenexplosion: Unternehmen wenden sich von OpenAI und Anthropic ab
Steigende KI-Rechnungen zwingen Firmen zum Umdenken – der Trend vom unkontrollierten „Tokenmaxxing" hin zu Effizienz und Rentabilität nimmt Fahrt auf.

Die Ära des grenzenlosen KI-Ausgabens neigt sich dem Ende zu. Immer mehr Unternehmen in den USA – und zunehmend auch weltweit – überdenken ihre Ausgaben für künstliche Intelligenz und suchen nach günstigeren Alternativen zu den Marktführern OpenAI und Anthropic. Der Wandel kommt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Beide Unternehmen bereiten sich auf potenziell historische Börsengänge vor.
Flo Crivello, 34-jähriger CEO des KI-Startups Lindy, ist ein anschauliches Beispiel für diesen Trend. Anfang Juni verlagerte er 100 Prozent des Datenverkehrs seines Unternehmens von den Claude-Modellen von Anthropic zu DeepSeek – einem chinesischen Anbieter, der günstigere Open-Weight-Modelle anbietet. Der Grund: Die KI-Kosten seines Unternehmens waren schlicht „unhaltbar" geworden. Crivello, der zuvor fast fünf Jahre bei Uber tätig war, betonte, er sei nach wie vor ein großer Fan von Anthropic – doch die Wirtschaftlichkeit ließ ihm keine andere Wahl.
Lindy wurde auf der Prämisse aufgebaut, dass die Kosten für sogenannte Tokens – die Dateneinheiten, die KI-Modelle verarbeiten und generieren – mit der Zeit drastisch sinken würden. Diese Annahme bewahrheitete sich zunächst, doch in den letzten Monaten haben führende Modellanbieter wie Anthropic und OpenAI die Preissenkungen verlangsamt.
Das Ende des „Tokenmaxxing"
Der Begriff „Tokenmaxxing" beschreibt eine Unternehmenskultur, in der Mitarbeiter – vor allem Entwickler – dazu angehalten wurden, KI-Tools so intensiv wie möglich zu nutzen, ohne Rücksicht auf die entstehenden Kosten oder den tatsächlichen Mehrwert. Arbeitgeber feuerten ihre Teams mit KI-Bestenlisten an, der Fokus lag auf maximaler Nutzung, nicht auf Effizienz. Diese Mentalität trieb die Rechnungen in schwindelerregende Höhen.
Besonders im Bereich des KI-gestützten Codings explodierten die Ausgaben. Entwickler nutzten Tokens massenhaft, um neue Tools und Dienste zu erstellen – Aufgaben, für die früher ganze Programmierteams nötig gewesen wären. Die Kosten stiegen dabei teilweise in den Milliardenbereich.
Uber ist ein prominentes Beispiel für das Ausmaß des Problems. Im April enthüllte Praveen Neppalli Naga, CTO des Ride-Sharing-Riesen, gegenüber „The Information", dass Uber sein gesamtes jährliches KI-Budget bereits in nur vier Monaten aufgebraucht hatte. Das Unternehmen reagierte und führte diesen Monat gestaffelte Ausgabenlimits für bestimmte KI-Tools ein. Das Basislevel liegt bei 1.500 US-Dollar pro Monat; Mitarbeiter können den Zugang zu höheren Stufen beantragen.
Börsengänge im Schatten des Stimmungswandels
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Zur AktienanalyseOpenAI und Anthropic waren die großen Profiteure der Ausgabenmentalität der vergangenen Jahre. Die enormen Umsätze trieben die Bewertungen beider Unternehmen in die Nähe von einer Billion US-Dollar. Anthropic meldete zuletzt im Mai eine annualisierte Run-Rate von 47 Milliarden US-Dollar – verglichen mit einem Gesamtumsatz von rund 10 Milliarden US-Dollar im gesamten Vorjahr. Die Run-Rate von OpenAI bewegte sich laut Berichten Anfang dieses Jahres auf 25 Milliarden US-Dollar zu, nach einem Umsatz von 13,1 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025.
Beide Unternehmen reichten Anfang Juni vertraulich ihre Börsengangs-Unterlagen ein. Der Zeitpunkt ist kein Zufall: Ein IPO, solange die Wachstumszahlen noch glänzen, könnte strategisch klug sein. Denn die Stimmung in der Branche dreht sich spürbar. Führungskräfte wie Crivello sind nicht mehr bereit, Geld in KI-Dienste zu pumpen, ohne eine klare Vorstellung von der Rentabilität ihrer Investition zu haben.
Anthropic lehnte eine Stellungnahme zu diesem Artikel ab. OpenAI reagierte nicht auf eine Anfrage zur Stellungnahme. Für Anleger, die die bevorstehenden Börsengänge im Blick haben, ist der Stimmungswandel bei den Unternehmenskunden ein Risikofaktor, den es genau zu beobachten gilt.


