Kanada plant neue Öl-Pipeline um US-Abhängigkeit zu beenden
Premierminister Mark Carney will Kanada zur Energie-Supermacht machen und täglich bis zu eine Million Barrel Rohöl nach Asien liefern.

Kanada hat einen entscheidenden Schritt in Richtung Energieunabhängigkeit unternommen. Premierminister Mark Carney kündigte an, dass die Provinz Alberta beim Büro für Großprojekte Pläne eingereicht hat, um bis September 2027 mit dem Bau einer über 1.000 Kilometer langen Pipeline zu beginnen. Die neue Leitung soll bis zur Westküste von British Columbia reichen und täglich bis zu eine Million Barrel Rohöl nach Asien transportieren.
„Kanada hat eine einmalige Gelegenheit. Eine Chance, die unsere Zukunft bestimmen wird", sagte Carney am späten Donnerstag in Calgary. Die Pipeline-Route soll einer bereits bestehenden Strecke durch den Trans-Mountain-Korridor zur Pazifikküste folgen. Gebaut werden soll sie von der staatlichen Trans Mountain Corp mit Unterstützung der Pembina Pipeline Corp.
Milliarden an Investitionen und Handelsagenda
Carney zufolge werden die angekündigten Maßnahmen „weit über 200 Milliarden Kanadische Dollar – umgerechnet rund 141 Milliarden US-Dollar – an neuen Direktinvestitionen in Kanada katalysieren". Das Land will damit seine Handelsagenda in ganz Asien vorantreiben. Die neue Pipeline soll laut Carney zu einem „Tor zu den am schnellsten wachsenden Märkten der Welt" werden.
Neben der Pipeline plant Ottawa weitere Großprojekte: Kanada will seine Flüssigerdgas-Produktion durch die Entwicklung von fünf Terminals im nächsten Jahrzehnt mehr als verdreifachen. Zudem sollen 10 Milliarden Kanadische Dollar in den Ausbau des Hafens von Vancouver investiert werden.
Die Premierministerin von Alberta, Danielle Smith, unterstützt das Vorhaben nachdrücklich. Sie möchte die Ölproduktion der Provinz verdoppeln und die Pipeline bis 2035 fertigstellen lassen, um in den kommenden Jahrzehnten „Milliarden an Einnahmen" zu generieren. „Es besteht kein Zweifel daran, dass diese Pipeline ein Projekt von nationalem Interesse ist", sagte Smith.
Hintergrund: Abhängigkeit vom US-Markt
Der Schritt ist eine direkte Reaktion auf die angespannten Handelsbeziehungen mit den USA. Kanada verkauft drei Viertel seiner Waren und Dienstleistungen in die USA und liefert fast sein gesamtes Öl dorthin – rund 4 Millionen Barrel pro Tag, was etwa 60 Prozent der amerikanischen Ölimporte entspricht. Carney hat versprochen, den Handel mit Nicht-US-Staaten zu verdoppeln.
Der Druck auf Kanada wächst: US-Präsident Donald Trump droht mit Zöllen von bis zu 100 Prozent auf kanadische Waren und bezeichnet Kanada regelmäßig als potenziellen 51. US-Bundesstaat. Trump lehnte zudem diese Woche die langfristige Erneuerung des US-Mexiko-Kanada-Handelsabkommens ab, das er selbst während seiner ersten Amtszeit im Jahr 2020 ausgehandelt hatte.
Der Großteil des exportierten kanadischen Öls stammt aus den bitumenreichen Ölsanden im Norden Albertas – dem drittgrößten Ölvorkommen der Welt, das als eines der aufwendigsten und emissionsintensivsten in der Verarbeitung gilt. Alberta ist zudem Heimat einer separatistischen Bewegung, die in den letzten Jahren an Dynamik gewonnen hat. Eine Volksabstimmung über ein mögliches Unabhängigkeitsreferendum ist für den 19. Oktober geplant.
Umweltbedenken und politischer Kurswechsel
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Zur AktienanalyseDas Projekt ist nicht ohne Kontroversen. Carney, ehemaliger UN-Klimabeauftragter, räumte ein, dass sein Bekenntnis zu fossilen Brennstoffen die CO2-Emissionen Kanadas erhöhen würde – ein Kurswechsel, der Kritik von Umweltgruppen hervorgerufen hat. Gleichzeitig betonte er, dass Ottawa ein bestehendes Tankerverbot beibehalten werde, für das First Nations und Umweltgruppen lobbyiert hatten.
„Heute ist ein guter Tag", sagte Marilyn Slett, die gewählte Häuptlingin der Heiltsuk Nation an der Zentralküste von British Columbia. „Öltanker werden niemals Teil unserer Vision für eine gesunde, produktive und nachhaltige Nordküste sein."
Die kanadische Öl- und Gaslobby zeigte sich durch die Ankündigung ermutigt, äußerte jedoch Bedenken hinsichtlich der Umweltvorschriften und eines Steuersystems, das ihrer Meinung nach nicht wettbewerbsfähig sei und Investitionen behindere. Carney distanzierte sich in einem Video am Dienstag von der Politik seines Vorgängers Justin Trudeau, der hart gegen Ölgesellschaften vorgegangen war. „Jener Plan war auf lange Sicht nicht tragfähig", sagte er.
Als Referenzprojekt dient die Trans-Mountain-Erweiterungspipeline, die im Mai 2024 nach einem Jahrzehnt voller Verzögerungen und Gesamtkosten von 34 Milliarden Kanadischen Dollar eröffnet wurde. Sie hat Kanada bereits geholfen, Rekordmengen an Öl und Gas zu exportieren – und gilt als Blaupause für das neue Vorhaben.

