Kanada könnte US-Alkoholboykott beenden – wenn Zölle fallen
Premierminister Carney signalisiert Kompromissbereitschaft beim Alkoholboykott, knüpft Rückkehr aber an Fortschritte bei Metall- und Autozöllen.

Kanadas Premierminister Mark Carney hat signalisiert, dass US-Spirituosen wieder in kanadische Regale zurückkehren könnten – allerdings nur unter einer Bedingung. Fortschritte bei den Zöllen auf Metalle und Automobile müssten erzielt werden, bevor die Provinzen ihren Alkoholboykott aufheben. „Bei Themen wie der Entscheidung, welcher Alkohol in die Regale kommt, können wir sehr schnell Fortschritte erzielen, wenn es in anderen Bereichen vorangeht", sagte Carney am Donnerstag.
Die Aussage fällt in eine Phase zunehmend angespannter Handelsgespräche zwischen Kanada und den USA. US-Handelsminister Howard Lutnick bezeichnete das Alkoholverbot der meisten kanadischen Provinzen am Mittwoch als „respektlos". US-Handelsbeauftragter Jamieson Greer warnte zudem vor Konsequenzen, sollte das Problem nicht gelöst werden.
Hintergrund: Wie der Alkoholboykott entstand
Die kanadischen Provinzen hatten die Alkoholverbote als direkte Reaktion auf die von der Trump-Administration verhängten Zölle eingeführt. Besonders Ontario setzte ein deutliches Zeichen: Die dortige Alkoholbehörde, der Liquor Control Board of Ontario – einer der weltweit größten Abnehmer von Alkohol – nahm im März 2025 sämtliche alkoholischen Getränke aus US-Produktion aus dem Sortiment. Dies geschah als Vergeltung für Trumps Zölle auf wichtige kanadische Sektoren wie Stahl, Aluminium, Automobile und Agrarprodukte.
Trump argumentiert, diese Maßnahmen förderten die US-Produktion und sicherten amerikanische Arbeitsplätze. Carney hingegen erklärte, die Zölle verstießen gegen das bestehende Freihandelsabkommen USMCA zwischen Kanada, den USA und Mexiko. Er betonte, Kanada sei bereit, „detaillierte Verhandlungen" über die Zukunft des nordamerikanischen Freihandels aufzunehmen – aber „auch bereit zu warten, falls dies erforderlich sein sollte".
Ontarios Premierminister Doug Ford blieb bei seiner harten Linie: US-Alkohol werde nicht in die Regale der Provinz zurückkehren, bis die sektorspezifischen Zölle aufgehoben seien. In einem CNN-Interview am Donnerstag betonte Ford, dass die US-Wirtschaft „zig Milliarden US-Dollar" verliere, weil Kanadier die USA boykottieren und unter anderem Reisen in den Süden vermeiden. „Dies kann ein schnelles Ende finden, jeder kann florieren und gedeihen", sagte Ford für den Fall einer Zollaufhebung.
Kanada setzt auf Verhandlungsstärke – nicht auf Unterwerfung
Carney machte in seiner Kommunikation deutlich, dass Kanada keine einseitigen Zugeständnisse machen werde. „An einer Verhandlung sind zwei Parteien beteiligt. Wir sitzen nicht hier, um uns Notizen zu machen und Anweisungen von den USA entgegenzunehmen", sagte er vor Journalisten. Candace Laing, Präsidentin und CEO der kanadischen Handelskammer, bestätigte diese Haltung: Kanada verfüge über „rote Linien", sei aber offen dafür, Alkohol als „Druckmittel" einzusetzen, um Senkungen der sektorspezifischen US-Zölle zu erreichen. „Kanada wird keine Zugeständnisse machen, die nicht im Kontext einer echten Verhandlung stehen", so Laing.
Die Gespräche finden vor dem Hintergrund einer wichtigen Frist statt: Bis zum 1. Juli ist eine obligatorische Überprüfung des USMCA durch alle drei Unterzeichnerstaaten – Kanada, die USA und Mexiko – vorgesehen. Die USA haben dabei eine Reihe von Handelshindernissen mit Kanada benannt, darunter neben Alkohol auch den Zugang zum kanadischen Milchmarkt.
Experten sehen verbesserte Verhandlungsposition für Kanada
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Zur AktienanalyseFen Hampson, Professor an der Carleton University in Ottawa und Co-Vorsitzender einer Expertengruppe für die Beziehungen zwischen Kanada und den USA, argumentiert, dass sich Kanadas Verhandlungsposition in den letzten Monaten verbessert habe. Trumps politische Position „erodiere", da der Krieg der USA und Israels gegen den Iran bei den Amerikanern unpopulär sei – ein Faktor, der die Machtverhältnisse im Kongress nach den US-Zwischenwahlen beeinflussen könnte. Gleichzeitig habe sich Carneys innenpolitische Stellung durch jüngste Nachwahlen und Überläufer gestärkt, die ihm eine Mehrheitsregierung beschert haben.
Hampson widersprach damit Lutnick, der die Strategie des Abwartens vergangene Woche als „die schlechteste Strategie, die ich je gehört habe" bezeichnet hatte. Der Experte sieht hingegen einen klaren Vorteil darin, zunächst zu beobachten, welche Deals Trump mit Mexiko und anderen Ländern aushandelt. „Es gibt einen Vorteil für den Letztziehenden, in dem Sinne, dass man sieht, was alle anderen haben", sagte Hampson. Kanada verfüge zudem über Güter, die die USA dringend benötigten – darunter Metalle, Energie und kritische Mineralien. „Die Kanadier agieren hier sehr klug. Sie spielen auf Zeit."
Besonders hart trifft der Handelsstreit Ontario als Herzstück des kanadischen Automobilsektors, wo durch Trumps sektorspezifische Zölle bereits Tausende von Arbeitsplätzen verloren gegangen sind. Die Regulierung des Alkoholverkaufs liegt in Kanada überwiegend bei den Provinzen und nicht beim Bund – was bedeutet, dass letztlich die Provinzregierungen entscheiden müssen, ob und wann US-Alkohol wieder in die Regale kommt.


