JPMorgan warnt: Energieschock bedroht Margen europäischer Chemiekonzerne
Steigende Öl- und Gaspreise zwingen EU-Chemiefirmen zu massiven Preiserhöhungen – bei gleichzeitigem Überangebot.

J.P. Morgan schlägt Alarm für die europäische Chemiebranche. Die US-Investmentbank warnt, dass Unternehmen wie BASF, Lanxess und Evonik ihre Verkaufspreise innerhalb der nächsten zwölf Monate um mehr als 5% anheben müssen, um explodierte Energiekosten zu kompensieren. Das Problem: Ein erhebliches Überangebot in der Branche macht solche Preiserhöhungen kaum durchsetzbar.
Die Zahlen sind beeindruckend. Rohöl der Sorte Brent ist seit Ende Dezember 2025 um rund 35% gestiegen. Der europäische TTF-Erdgaspreis legte im gleichen Zeitraum sogar um etwa 84% zu. Auslöser sind massive Lieferunterbrechungen im Nahen Osten – darunter Einschränkungen an der Straße von Hormus und ein Stopp der katarischen LNG-Produktion.
In einem Szenario, in dem nur die Hälfte der Mehrkosten an Kunden weitergegeben wird, sieht J.P. Morgan für die am stärksten betroffenen Unternehmen ein Abwärtspotenzial von 15% bis 25% beim bereinigten EBITDA für das Geschäftsjahr 2027. Der Gewinn je Aktie dürfte dabei noch stärker belastet werden.
Lanxess und Yara am stärksten betroffen
Besonders hart trifft es Lanxess: Die Kosten für ölbasierte Rohstoffe machen dort 62,4% des Konsens-EBITDA für 2026 aus. Arkema benötigt mit 5,7% die größte Preiserhöhung, um die zusätzlichen ölbasierten Kosten vollständig aufzufangen, gefolgt von Lanxess mit 5,6% und BASF mit 5,2%. Auch Evonik und Wacker zählen laut J.P. Morgan zu den größten Verlierern.
Im Energiebereich trägt Yara das höchste ungesicherte Risiko. Die höheren EU-Gaskosten entsprechen 20% bzw. 22% des EBITDA für 2026 und 2027. Da der norwegische Düngemittelhersteller keine Absicherungsgeschäfte unterhält, ist er dem Preisrisiko vollständig ausgesetzt. Um die Gewinnschwelle zu halten, wäre eine europäische Preiserhöhung von 11% erforderlich.
Die Unterbrechungen treffen den Stickstoffdüngermarkt besonders hart. QatarEnergy, das rund 10% des weltweiten Seehandels mit Harnstoff abdeckt, hat die Chemieproduktion eingestellt. Auch die Ammoniak- und Harnstoffproduktion im Iran ruht Berichten zufolge. Die Folge: Die ägyptischen Spotpreise für Harnstoff sprangen bei einem jüngsten Verkauf um rund 26% nach oben.
Mögliche Gewinner und Lichtblicke
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Zur AktienanalyseFür Yara könnte die Situation paradoxerweise auch Chancen bieten. Als Nettoverkäufer könnte das Unternehmen von den gestiegenen Düngemittelpreisen profitieren – sofern die Störungen im Nahen Osten länger anhalten. J.P. Morgan sieht hier jedoch erhebliche Unsicherheit über die Dauer der Lieferausfälle.
Im Upstream-Bereich der Petrochemie haben südkoreanische Steamcracker ihre Auslastung wegen höherer Naphtha-Kosten um 5% bis 10% gedrosselt. Die Ethylenpreise in Asien stiegen dabei um rund 16%. Sollte eine breitere Produktionskürzung eintreten, könnte sich laut J.P. Morgan ein enges Zeitfenster für eine Rückkehr der Preismacht öffnen – was BASF helfen würde. Die Bank stuft dieses Szenario jedoch als wenig wahrscheinlich ein.
Novonesis und Air Liquide gehören zu den Unternehmen mit dem geringsten direkten Energiekostenrisiko, da sie über stärkere Preissetzungsmacht verfügen. Dennoch warnt J.P. Morgan, dass beide einen indirekten Nachfragedruck spüren könnten. Erschwerend kommt hinzu: Die EU-Gasspeicher befinden sich nahe ihrem niedrigsten saisonalen Stand seit 2019, und die Pipeline-Lieferanten Norwegen, Russland und Algerien haben nur begrenzte Kapazitäten zur kurzfristigen Ausweitung.


