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Japan riskiert verlorene Jahrzehnte ohne baldige BOJ-Zinserhöhung

Ex-BOJ-Vorstand Sakurai warnt: Ohne Zinserhöhung im Juni droht Japan eine Wiederholung der verheerenden Blasen-Fehler der Vergangenheit.

Japan riskiert verlorene Jahrzehnte ohne baldige BOJ-Zinserhöhung

TOKIO – Japan steht nach Einschätzung eines ehemaligen Notenbankers erneut vor einem geldpolitischen Scheideweg. Makoto Sakurai, früheres Vorstandsmitglied der Bank of Japan (BOJ), warnt eindringlich: Verzögert die Zentralbank ihre Zinserhöhungen weiter, riskiert das Land eine Wiederholung jener Fehler, die zu drei Jahrzehnten wirtschaftlicher Stagnation geführt haben. Der Iran-Krieg verschärft die Lage zusätzlich, indem er Energiepreise und Inflationsdruck in die Höhe treibt.

„Angesichts des sich ausweitenden Preisdrucks infolge des Iran-Krieges ist eine Stagflation unvermeidlich", sagte Sakurai am Montag gegenüber Reuters. „Es besteht das ernsthafte Risiko, dass die BOJ hinter die Kurve gerät. Ein Verzicht auf eine Zinserhöhung im Juni ist undenkbar." Sakurai pflegt nach eigenen Angaben weiterhin engen Kontakt zu den amtierenden Entscheidungsträgern der Notenbank.

Der Schatten der Vermögenspreisblase

Um die Tragweite der aktuellen Situation zu verstehen, lohnt ein Blick in die Geschichte. Ab 1986 betrieb die BOJ eine massive Geldschöpfungspolitik, um den damals starken Yen zu bekämpfen. Die Notenbank hielt ihren lockeren Kurs bei, selbst als die Preise für Vermögenswerte dramatisch stiegen. Erst 1989 änderte sie die Richtung – doch dann folgte eine Serie aggressiver Zinserhöhungen, die die Blase zum Platzen brachte. Die Folge: drei Jahrzehnte wirtschaftlicher Stagnation, die in Japan als „verlorene Jahrzehnte" bekannt sind.

Genau dieses Szenario sieht Sakurai heute wieder drohen. Die BOJ beendete zwar im Jahr 2024 ihr jahrzehntelanges Konjunkturprogramm und hob die Zinsen mehrmals an, zuletzt im Dezember. Dennoch verharrt der kurzfristige Leitzins bei lediglich 0,75 Prozent – obwohl die Inflation seit vier Jahren das Ziel der Notenbank von 2 Prozent überschreitet. Die Märkte preisen derzeit eine Wahrscheinlichkeit von rund 80 Prozent für eine Zinserhöhung auf 1 Prozent im Juni ein.

Stagflationsrisiko durch Energieschock

Der Iran-Krieg stellt die BOJ vor ein klassisches Dilemma: Höhere Energiekosten heizen die Inflation an, belasten gleichzeitig aber eine Wirtschaft, die stark von Ölimporten abhängig ist. Das BIP zeigt kaum Anzeichen einer Überhitzung. Zwar wuchs die Wirtschaft im ersten Quartal auf das Jahr hochgerechnet um 2,1 Prozent, doch Analysten erwarten eine Verlangsamung, da steigende Treibstoffkosten und Lieferunterbrechungen die Unternehmensgewinne beeinträchtigen.

Gleichzeitig nimmt der Inflationsdruck zu. Ein schwacher Yen und anhaltender Arbeitskräftemangel bewegen Unternehmen dazu, Preise anzuheben. Subventionen hielten die Kerninflation zuletzt zwar unter der 2-Prozent-Marke, doch Sakurai erwartet, dass sie sich ab Herbst auf etwa 3,5 Prozent beschleunigen wird – wenn Unternehmen die gestiegenen Kriegskosten an die Verbraucher weitergeben.

Erste Blasensignale am Aktien- und Immobilienmarkt

Besonders besorgniserregend sind für Sakurai die Entwicklungen an den japanischen Finanzmärkten. Der Nikkei-Aktienindex stieg am Montag erstmals über die Marke von 67.000 Punkten, angetrieben durch KI-bezogene Aktien. Die Grundstückspreise stiegen im Jahr 2024 so schnell wie seit 34 Jahren nicht mehr. Die BOJ selbst hatte diese Entwicklungen bereits in einem halbjährlichen Bericht zum Finanzsystem im April als Risiken markiert.

Auch BOJ-Gouverneur Kazuo Ueda hat die historischen Ölschocks von 1973 und 1979–1980 als Referenzpunkte herangezogen. Was Ueda dabei nicht thematisierte, war laut Sakurai die entscheidende Lektion aus der Vermögenspreisblase der späten 1980er Jahre – ein Versäumnis, das den Ex-Notenbanker beunruhigt.

„Wenn die BOJ jetzt zögert, die Zinsen zu erhöhen, wird sie später zu einem rasanten Tempo gezwungen sein und der Wirtschaft schaden", mahnte Sakurai. „Wir sind nur noch einen Schritt davon entfernt, den Fehler zu wiederholen, der zu Japans verlorenen Jahrzehnten geführt hat." Für Anleger, die japanische Aktien oder den Yen im Blick haben, dürfte die BOJ-Entscheidung im Juni damit zu einem der wichtigsten geldpolitischen Ereignisse des Jahres werden.

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