IWF und Weltbank: Geopolitische Schocks überfordern globale Finanzinstitutionen
Die Frühjahrstagungen in Washington offenbarten die Grenzen multilateraler Institutionen – und die schwindende Führungsrolle der USA in Krisen.

Die Frühjahrstagungen von IWF und Weltbank in Washington haben eine ernüchternde Erkenntnis gebracht: Die globalen Finanzinstitutionen stoßen bei der Abfederung geopolitischer Schocks an ihre Grenzen. Während die Teilnehmer zwischen Pessimismus und vorsichtigem Optimismus schwankten, fiel die entscheidende Weichenstellung nicht auf dem Campus von IWF und Weltbank – sondern zwischen Washington und Teheran.
Der Nahost-Konflikt und die Lage an der Straße von Hormus dominierten die Stimmung der versammelten Finanzminister und Zentralbanker. Zeitweise keimte Hoffnung auf, dass der Iran die strategisch wichtige Meerenge wieder für den freien Schiffsverkehr öffnen könnte. Bis Samstag verflog dieser Optimismus jedoch angesichts neuer Angriffe auf die Schifffahrt wieder.
„Tatsächlich fallen einige der wichtigsten Entscheidungen für die Weltwirtschaft nicht hier", sagte Josh Lipsky, Leiter für internationale Wirtschaft beim Atlantic Council. „Die wichtigste Entwicklung in der Weltwirtschaft fand zwischen den USA und dem Iran statt."
Wachstumsprognosen unter Druck
Der IWF veröffentlichte während der Tagung eine leicht gesenkte globale Wachstumsprognose für 2026 von 3,1 Prozent – und das im optimistischsten von drei entworfenen Szenarien. Kaum war diese Zahl veröffentlicht, galt sie bereits als überholt. Beobachter warnten, die Weltwirtschaft driftet auf ein ungünstigeres Wachstumsszenario von nur 2,5 Prozent zu. Der jüngste Weltwirtschaftsausblick des Fonds hält fest, dass ein langwieriger Krieg die Weltwirtschaft sogar in eine Rezession stürzen könnte.
Der saudi-arabische Finanzminister Mohammed Al-Jadaan brachte die Stimmung vieler Beamter auf den Punkt: Er fühle sich mit einer positiven Prognose erst wohl, wenn Tanker die Meerenge wieder ungehindert passieren können, Versicherungen erschwinglich seien und die physischen Energiepreise sinken würden. „Wenn die Gewässer frei sind", sagte Al-Jadaan auf einer Pressekonferenz, „wäre das für mich der Auslöser für eine Änderung des Szenarios."
Trotz dieser Unsicherheiten erzielten IWF und Weltbank gemeinsam konkrete Ergebnisse: Sie sagten bis zu 150 Milliarden US-Dollar an neuen Finanzhilfen für die am stärksten vom Energiepreisschock betroffenen Entwicklungsländer zu. Zudem feierten die Institutionen die Wiederaufnahme der Beziehungen zur Interimsregierung Venezuelas nach einer siebenjährigen Unterbrechung. Gleichzeitig warnten sie die Länder davor, Öl zu horten und auf teure, ungezielte Kraftstoffsubventionen zu setzen.
Schwindende US-Führungsrolle als neue Realität
Eine ständige Abfolge von Schocks – beginnend mit der COVID-19-Pandemie 2020, fortgesetzt durch die russische Invasion in der Ukraine 2022 und nun dem Nahost-Konflikt – lehre die Länder, dass die USA nicht mehr der „General" der internationalen Ordnung seien, so Lipsky. Washington liefere nicht zwangsläufig Lösungen.
Hinter verschlossenen Türen übermittelten Beamte, insbesondere aus Europa, die klare Botschaft an die USA, dass Washington Maßnahmen zur Wiederöffnung der Meerenge ergreifen müsse. In der Öffentlichkeit fielen die Kommentare diplomatischer aus. Der französische Finanzminister Roland Lescure sagte vor Journalisten: „Der Knotenpunkt dieses Konflikts ist die Straße von Hormus. Wir müssen sie öffnen, aber nicht um jeden Preis."
US-Finanzminister Scott Bessent startete am Freitag eine Initiative, in der er die G20-Staaten, den IWF und die Weltbank zu koordinierten Maßnahmen aufrief, um den Zugang zu Düngemitteln angesichts von Lieferunterbrechungen aus den Golfstaaten zu sichern. Kritiker merkten jedoch an, dass dies sieben Wochen nach Kriegsbeginn wenig dazu beitragen werde, die Engpässe für Landwirte zu lindern, die auf der Nordhalbkugel bereits ihre Frühjahrskulturen aussäen.
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Zur AktienanalyseAfrikas Chefökonom sieht neue Chancen
Kevin Chika Urama, Chefökonom der Afrikanischen Entwicklungsbank, versuchte der Krise auch eine konstruktive Seite abzugewinnen. Die Nahostkrise biete afrikanischen Ländern einen neuen Impuls, regionale Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zu vertiefen, an alternativen Energiequellen zu arbeiten und die enormen Erdgasreserven des Kontinents zu erschließen. „Geopolitische Spannungen sind die neue Normalität, und die Unsicherheit in der Politikgestaltung ist zur Gewissheit geworden", sagte er bei einer Podiumsdiskussion mit anderen Chefökonomen multilateraler Institutionen.
Die Diskussionen über Handelsspannungen – ausgelöst durch die Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump – fielen bei den diesjährigen Treffen verhaltener aus als erwartet. Auch der Krieg Russlands gegen die Ukraine trat in den Hintergrund, obwohl die G7-Finanzminister versprachen, den Druck auf Moskau aufrechtzuerhalten. Die zentrale Botschaft der Tagungen bleibt dennoch klar: In einer Welt sich häufender Krisen stoßen selbst die mächtigsten Finanzinstitutionen der Welt an die Grenzen ihrer Handlungsfähigkeit.


