Iran oder Ukraine: Welcher Krieg treibt Dieselpreise stärker?
BBC Verify hat untersucht, welcher Konflikt die weltweiten Dieselexporte stärker belastet – mit klarem Ergebnis.

US-Präsident Donald Trump macht die Ukraine für den weltweiten Rückgang der Dieselexporte und den Preisanstieg verantwortlich. Er erklärte, Präsident Wolodymyr Selenskyj „will der Welt Probleme bereiten" und forderte ihn auf, die Angriffe auf russische Ölraffinerien zu stoppen. Andere Analysten hingegen sehen den Krieg zwischen den USA, Israel und dem Iran als Hauptursache für den Rückgang der Kraftstofflieferungen aus der Golfregion. BBC Verify hat nun die Zahlen ausgewertet – und kommt zu einem eindeutigen Befund.
Die Daten des Schifffahrtsdatendienstes Kpler zeigen: Im Jahr 2025 wurden täglich rund 6,8 Millionen Barrel Diesel auf den Weltmarkt exportiert. Im September 2026 waren die weltweiten Exporte auf 5,8 Millionen Barrel pro Tag gesunken – ein Rückgang von etwa einer Million Barrel pro Tag. Analysten machen diesen Rückgang für den Anstieg der Einzelhandelspreise verantwortlich. Exporte machen dabei etwa ein Viertel des gesamten weltweiten Dieselverbrauchs aus; der Rest stammt aus der heimischen Produktion der jeweiligen Länder.
Die Details
Die Auswirkungen auf die Verbraucher sind erheblich. Die durchschnittlichen US-Einzelhandelspreise für Diesel lagen am 5. Oktober bei 6,20 Dollar pro Gallone – knapp unter dem Rekordwert von 6,50 Dollar pro Gallone vom 21. September, so die US Energy Information Administration. Vor dem Krieg mit dem Iran kostete eine Gallone Diesel in den USA etwa 3,50 Dollar. Auch im Vereinigten Königreich erreichten die Dieselpreise Rekordhöhen: Ein Liter kostete am 5. Oktober 199 Pence, wie Daten des Ministeriums für Energiesicherheit und Netto-Null zeigen.
Beim russischen Angebot zeigt sich ein deutlicher Einbruch: Im Jahr 2025 exportierte Russland täglich rund 810.000 Barrel Diesel. Bis September 2026 war dieser Wert auf etwa 140.000 Barrel pro Tag gesunken – ein Rückgang von rund 670.000 Barrel pro Tag. Jonathan Leader Maynard vom King's College London erklärt, „viele Analysten" sähen den Rückgang der russischen Exporte von Ölprodukten „primär in den Drohnenangriffen der Ukraine" begründet und weniger in den internationalen Sanktionen.
Der Nahe Osten ist nicht nur ein bedeutender Exporteur von Rohöl, sondern auch ein wichtiges globales Zentrum für die Produktion von Diesel. Im Jahr 2025 exportierten die Golfstaaten – Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait, Bahrain und Oman – täglich rund 1,4 Millionen Barrel Diesel. Im September 2026 war dieser Wert auf etwa 670.000 Barrel pro Tag gesunken. Dieser starke Rückgang wurde durch die Auswirkungen des US-Iran-Krieges auf den Exportfluss durch die Straße von Hormus verursacht: Iranische Angriffe auf Tanker und die US-Blockade iranischer Häfen störten den Schiffsverkehr massiv. Während der Rohölfluss durch die Wasserstraße laut Schiffsverfolgungsunternehmen zuletzt wieder fast das Vorkriegsniveau erreichte, blieb der Fluss von raffiniertem Diesel weit darunter.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 17. März 2026 berichtete aktien.news, dass der durchschnittliche Dieselpreis in den USA erstmals seit Dezember 2022 über die Marke von 5 Dollar pro Gallone gestiegen war – ein Anstieg von 34 Prozent gegenüber dem Niveau vor Beginn der massiven US-amerikanischen und israelischen Luftangriffe auf den Iran.
Am 2. April 2026 meldete aktien.news, dass Terminkontrakte für Diesel in den USA um satte 11 Prozent nach oben sprangen, ausgelöst durch Trumps Drohung, den Konflikt mit dem Iran weiter zu eskalieren. Diesel verteuerte sich dabei deutlich schneller als Rohöl selbst – ein Zeichen dafür, dass die Lieferkettenprobleme im Kraftstoffmarkt besonders gravierend sind.
Am 19. September 2026 berichtete aktien.news, dass Trump jede Verbindung zwischen dem Iran-Krieg und den steigenden Dieselpreisen zurückwies und stattdessen den Russland-Ukraine-Krieg als Hauptursache nannte – obwohl die Dieselpreise in den USA zu diesem Zeitpunkt bereits ein Rekordniveau erreicht hatten. Zuletzt meldete aktien.news am 29. September 2026, dass Großbritannien mit den USA über ein mögliches Diesel-Exportverbot verhandelt, nachdem ein Liter Diesel im Vereinigten Königreich mit 199,33 Pence einen neuen Allzeithöchststand erreicht hatte.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Entwicklung auf den globalen Dieselmärkten aus mehreren Gründen relevant. Diesel ist der Kraftstoff des Güterverkehrs – Lastkraftwagen, Transporter und Schiffe bilden das Rückgrat der globalen Lieferketten. Jede Erhöhung der Transportkosten kann in Form von höheren Preisen an die Verbraucher weitergegeben werden, was die Inflation antreibt und die Kaufkraft mindert. Unternehmen mit hohem Transportkostenanteil – etwa Logistiker, Händler oder exportorientierte Industriebetriebe – geraten unter Margendruck. Gleichzeitig profitieren Energieunternehmen und Raffinerien, die außerhalb der betroffenen Regionen produzieren, von den gestiegenen Preisen.
Trump hat zudem ein umstrittenes Abkommen über den Import von Diesel aus Russland angekündigt – mit dem Versprechen „niedrigerer Preise für die Amerikaner". Ob und wie sich dieses Abkommen auf die globalen Märkte auswirkt, bleibt abzuwarten. Für Anleger in Energiewerte oder Rohstoff-ETFs ist die geopolitische Lage ein zentraler Risikofaktor, der die Preisentwicklung maßgeblich beeinflusst.
Ausblick
Die Zahlen deuten darauf hin, dass der Konflikt mit dem Iran einen größeren Einfluss auf den weltweiten Rückgang der Dieselexportmengen hatte als der Ukraine-Krieg. Die Exporte aus Russland sind um rund 670.000 Barrel pro Tag gesunken, verglichen mit einem Rückgang von etwa 810.000 Barrel aus dem Nahen Osten. Analysten betonen jedoch, dass beide Faktoren signifikant sind.
Paul de Leeuw, Direktor des Energy Transition Institute an der Robert Gordon University, sagte gegenüber BBC Verify: „Der US-Iran-Konflikt versetzte den globalen Energiemärkten im Jahr 2026 einen schweren Schock, aber der anhaltende Russland-Ukraine-Konflikt verstärkt diesen Druck nun, indem er russische Raffinerien außer Betrieb setzt." Rory Johnson, Ölanalyst bei Commodity Context, ergänzte, dass die Angriffe der Ukraine „den Schmerz des Krieges in das russische Mutterland tragen und den weltweit zweitgrößten Dieselexporteur weitgehend aus dem Markt drängen". Solange beide Konflikte andauern, ist eine nachhaltige Entspannung an den Dieselmärkten nicht in Sicht.
Kurz erklärt
- Straße von Hormus: Eine strategisch bedeutende Meerenge zwischen dem Iran und der arabischen Halbinsel, durch die ein großer Teil der weltweiten Öl- und Kraftstoffexporte transportiert wird.
- Barrel: Internationale Maßeinheit für Rohöl und Kraftstoffe, die im Handel und bei Exportstatistiken verwendet wird.
- Raffinerie: Eine Industrieanlage, in der Rohöl zu Kraftstoffen wie Diesel oder Benzin sowie anderen Produkten verarbeitet wird.
