Indiens Textilbranche setzt auf EU-Deal nach US-Zollschock
Neue Hoffnung für indische Exporteure: EU-Abkommen könnte Verluste durch amerikanische Handelspolitik ausgleichen.

Indiens Textilindustrie steht unter enormem Druck. Nachdem die USA ihre Zölle deutlich erhöht haben, setzen die Exporteure nun ihre Hoffnungen auf ein Handelsabkommen mit der Europäischen Union. Das Abkommen soll innerhalb eines Jahres umgesetzt werden und könnte die Branche stabilisieren.
Die EU plant, die Zölle auf 90 Prozent der indischen Waren sofort aufzuheben – darunter auch den etwa 12-prozentigen Zoll auf Textilien und Bekleidung. "In einer Zeit, in der der Sektor durch hohe US-Zölle belastet wird, öffnet das Indien-EU-Abkommen die Tür zu einem größeren Marktzugang", erklärt Ashwin Chandran, Vorsitzender der Confederation of Indian Textile Industry (CITI). Er warnt zugleich, dass Arbeitsplätze akut gefährdet seien.
Die Zahlen belegen die dramatische Lage: Bei fast einem Viertel der Textilexporteure sanken die US-Lieferungen zwischen Oktober und Dezember um mehr als 50 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Ohne ein Abkommen mit den USA könnten die Verluste in diesem Jahr zwischen 5 und 6 Milliarden US-Dollar erreichen, warnen Branchenvertreter.
Kritische Abhängigkeit vom US-Markt
Der Apparel Export Promotion Council (AEPC) schlägt in einem Schreiben an die Regierung Alarm. Höhere US-Zölle hätten Unternehmen schwer getroffen, die bis zu 70 Prozent ihres Umsatzes in den USA erzielen. Die Organisation fordert dringendes Handeln, um Auftragsstornierungen und Fabrikschließungen zu verhindern.
Die USA bleiben trotz aller Probleme Indiens wichtigster Textilmarkt. 28 Prozent aller indischen Textil- und Bekleidungsexporte – etwa 11 Milliarden von insgesamt 38 Milliarden US-Dollar im Geschäftsjahr bis März 2025 – gehen in die Vereinigten Staaten. Die EU folgt als zweitgrößter Markt mit rund einem Fünftel der Gesamtlieferungen.
Dennoch konnte Indien seine Gesamtexporte 2025 bei 37,5 Milliarden US-Dollar stabil halten. Die Exporteure lenkten ihre Lieferungen auf alternative Märkte wie die EU, die Vereinigten Arabischen Emirate, Japan und Afrika um, wie Regierungsschätzungen zeigen.
Große Chancen im europäischen Markt
"Der zollfreie Zugang zum EU-Markt wird die Wettbewerbsfähigkeit indischer Bekleidung steigern", prognostiziert AEPC-Vorsitzender A. Shakthivel. Er erwartet, dass die EU-Exporte jährlich um 20 bis 25 Prozent wachsen und sich in drei bis vier Jahren verdoppeln könnten.
Das Potenzial ist erheblich: Indien hält derzeit nur einen Anteil von 3 Prozent am 250 Milliarden US-Dollar großen Bekleidungsmarkt der EU. Die Lieferungen werden von China, Bangladesch und Vietnam dominiert, die von niedrigeren Zöllsätzen profitieren. Mit dem neuen Abkommen könnte sich das Blatt für indische Hersteller wenden.
Allerdings warnen Analysten vor kurzfristigen Risiken. Die EU hat die präferenziellen Zölle auf indische Bekleidung für 2026 bis 2028 ausgesetzt. Bis das neue Abkommen in etwa einem Jahr in Kraft tritt, könnten die Kosten vorübergehend steigen und die Margen unter Druck geraten.
Hohe Anforderungen und Investitionsbedarf
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Zur AktienanalyseExporteure müssen weiterhin strenge technische und Sicherheitsnormen der EU erfüllen. Dazu gehören detaillierte Kennzeichnungsvorschriften, Chemikalien-Grenzwerte sowie Gesundheits- und Umweltzertifizierungen. Diese Anforderungen stellen besonders für kleinere Hersteller eine Herausforderung dar.
Von den 20 nachfragestärksten Fertigbekleidungsprodukten der EU exportiert Indien derzeit nur acht Baumwoll- und zwei Kunstfaserartikel. Um das volle Potenzial auszuschöpfen, müssen die Exporteure ihr Produktportfolio erweitern.
Die Signale aus der Branche sind positiv: Große EU-Modemarken wie H&M und Zara haben bereits Fabriken in Tiruppur, dem Textilzentrum im Süden Indiens, besucht, um neue Bestellungen zu planen. Kumar Duraiswamy, gemeinsamer Sekretär der Tiruppur Exporters Association, erwartet Kapazitätserweiterungen und eine Expansion in den Bereich synthetischer Bekleidung.
"Die Öffnung des europäischen Marktes wird für Indiens Textilindustrie äußerst vorteilhaft sein, insbesondere in einer Zeit, in der Exporteure auf dem US-Markt vor ernsten Herausforderungen stehen", sagt Rajinder Gupta, CEO der Trident Group. Er rechnet damit, dass sich die Exporte seines Unternehmens in zwei bis drei Jahren verdoppeln werden. Dennoch räumt er ein: "Der Umfang des US-Geschäfts kann jedoch durch keinen anderen Markt ersetzt werden."


