Indien treibt Staatsverkäufe voran und nimmt Milliarden ein
Angesichts wachsender Haushaltsprobleme verkauft Indien Anteile an Staatsbetrieben so aggressiv wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr.

Indien hat in diesem Jahr seinen Verkauf von Staatsanteilen massiv beschleunigt. Bis Juli 2026 hat die Regierung Beteiligungen an zehn Unternehmen des öffentlichen Sektors (PSU) abgestoßen und dabei insgesamt mehr als 620 Milliarden Rupien – umgerechnet rund 6,5 Milliarden US-Dollar – eingenommen. Das ist der höchste Wert seit mehr als zehn Jahren, wie Daten des indischen Marktforschungsunternehmens Prime Database belegen.
Den vorläufigen Höhepunkt dieser Verkaufswelle markierte ein Großtransfer in dieser Woche: Die indische Regierung veräußerte einen Anteil von 6,5 Prozent am staatlichen Lebensversicherer Life Insurance Corporation of India (LIC) und erlöste damit 3,3 Milliarden US-Dollar. Die Emission wurde mit einem Abschlag von 10 Prozent angeboten, um Käufer anzulocken – und war dennoch überzeichnet.
Zu den weiteren Unternehmen, an denen die Regierung in diesem Jahr Anteile verkauft hat, zählen unter anderem Cochin Shipyard, Indian Railways Finance Corp, NHPC und Coal India. Exklusive des LIC-Deals nahm Indien durch den Verkauf von Anteilen an neun Staatsunternehmen fast 270 Milliarden Rupien (rund 2,8 Milliarden US-Dollar) ein – ebenfalls ein Rekordwert für mehr als ein Jahrzehnt.
Warum der plötzliche Verkaufsdruck?
Der Hintergrund dieser Aktivität ist ein wachsender makroökonomischer Gegenwind. Indien sieht sich mit einem sich ausweitenden Haushaltsdefizit konfrontiert: Ende Juni belief es sich auf 3,1 Billionen Rupien, was 18,2 Prozent der Budgetschätzung für das im März 2027 endende Geschäftsjahr entspricht. Gleichzeitig verzeichnet das Land starke Kapitalabflüsse ausländischer Investoren, was seine Fähigkeit einschränkt, steigende Importkosten zu decken. Das Handelsdefizit bei Waren und Dienstleistungen lag im Quartal bis Juni bei 37,4 Milliarden US-Dollar.
Hinzu kommt, dass globale Investoren Indien zunehmend hintenanstellen – zugunsten von KI-getriebenen Investments, einem Bereich, der in der indischen Wachstumsgeschichte bislang kaum eine Rolle spielt. Für die Regierung in Neu-Delhi ist es daher umso wichtiger, den Wachstumsmotor am Laufen zu halten, ohne das Haushaltsdefizit weiter auszuweiten.
Anubhuti Sahay, Leiterin der indischen Wirtschaftsforschung bei der Standard Chartered Bank, kommentierte die Strategie gegenüber CNBC: „Die Nutzung der Desinvestitionserlöse ist eine sehr gute Strategie." Sie wies darauf hin, dass die Regierung aufgrund einer höheren Subventionslast mit Abwärtsrisiken bei den Einnahmen und Aufwärtsrisiken bei den Ausgaben konfrontiert sei. Indien habe seine Desinvestitionsziele jahrelang nicht erreicht, weil es sich in einer „komfortablen fiskalischen Lage" befunden habe. Derzeit gleiche der Anteilsverkauf jedoch dem Zugriff auf das „Familiensilber" in Zeiten der Not.
Jahrelanges Verfehlen der Ziele
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Zur AktienanalyseDas letzte Mal, dass Indien sein Desinvestitionsziel tatsächlich erreichte, war im Geschäftsjahr, das im März 2019 endete. Seitdem verfehlte die Regierung ihre selbst gesteckten Vorgaben regelmäßig. Das Jahresziel für das laufende Geschäftsjahr liegt bei 800 Milliarden Rupien (rund 8,4 Milliarden US-Dollar). Experten zufolge ist die Regierung nun auf bestem Weg, dieses Ziel zu erreichen – bereits mehr als 65 Prozent davon sind erfüllt.
Die Verkäufe sind dabei nicht nur freiwilliger Natur: Die Regierung ist verpflichtet, ihre Beteiligungen an bestimmten Unternehmen zu reduzieren, um die Börsenzulassungsregeln einzuhalten. Dennoch ist der plötzliche und starke Anstieg der Transaktionen in diesem Jahr bemerkenswert – auch angesichts der insgesamt verhaltenen Marktbedingungen.
Für deutsche Anleger, die Indien als Wachstumsmarkt im Blick haben, verdeutlicht diese Entwicklung die fiskalischen Spannungen, unter denen die weltgrößte Demokratie derzeit operiert. Die Desinvestitionsstrategie zeigt, wie Neu-Delhi versucht, Haushaltsdisziplin und Wachstumsambitionen gleichzeitig zu wahren – ein Balanceakt mit ungewissem Ausgang.


