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Immer mehr US-Amerikaner prüfen einen Umzug nach Europa

Politische Instabilität, steigende Lebenshaltungskosten und Kürzungen bei der Wissenschaftsförderung treiben Amerikaner in Richtung Europa.

Immer mehr US-Amerikaner prüfen einen Umzug nach Europa

Immer mehr US-Bürger denken ernsthaft darüber nach, ihr Leben in Europa aufzubauen. Was früher als vorübergehendes Abenteuer galt, entwickelt sich laut Beratern und Branchenexperten zu einem echten Migrationstrend. Sorgen über politische Stabilität, Lebensqualität und die Zukunft der Wissenschaftsförderung in den USA spielen dabei eine zentrale Rolle.

Arielle Tucker, eine Steuer- und Finanzberaterin, die seit 15 Jahren in Zürich lebt, beobachtet diesen Wandel aus nächster Nähe. „Die Menschen sprechen weniger davon, Europa für ein Jahr auszuprobieren, sondern vielmehr davon, aufrichtig dankbar, glücklich und erleichtert zu sein, ihre Kinder an einem Ort aufzuziehen, der sich stabiler und vernünftiger anfühlt", sagt Tucker. Als sie selbst Mitte zwanzig von New York nach Zürich zog, betrachteten die meisten Amerikaner Europa noch als temporäre Station – das hat sich ihrer Beobachtung nach grundlegend geändert.

Claire Naughton, Leiterin für Partnerschaften und Community bei Liberty Atlantic Advisors – einer auf grenzüberschreitende Finanzplanung für US-Expats spezialisierten Firma – bestätigt den Trend. „Wir erhalten vermehrt Anfragen von Amerikanern in ihren Vierzigern. Diese jüngeren Fachkräfte fühlen sich desillusioniert durch die scheinbar ständig steigenden Lebenshaltungskosten in den USA", sagt sie. Spanien, Frankreich und Italien gehören derzeit zu den beliebtesten Zielländern für auswanderungswillige Amerikaner.

Forscher und Tech-Fachkräfte im Fokus

Das Interesse kommt vor allem aus bestimmten Berufsgruppen: Forscher, Tech-Mitarbeiter und Fachkräfte in der Mitte ihrer Karriere, die weniger von Gehaltsmaximierung als von Stabilität und Lebensqualität angezogen werden. Stefan Weitz, CEO von HumanX, einem in New York ansässigen Veranstalter globaler KI-Konferenzen, sieht eine sich verändernde Dynamik im Wettbewerb um Talente. „Eine Kombination aus Volatilität bei US-Visa, Kürzungen der Forschungsgelder und einem restriktiven politischen Umfeld macht es schwieriger, den ‚American Exceptionalism' den klügsten Köpfen der Welt zu verkaufen", sagt er.

Die Zahlen aus der US-Wissenschaft sind alarmierend: Im Jahr 2025 verließen mehr als 10.000 Mitarbeiter mit Doktortiteln in Naturwissenschaften, Technologie, Ingenieurwesen, Mathematik und Gesundheit den Bundesdienst – durch Kündigung, Entlassung oder Ruhestand. Das ist doppelt so viele Verluste wie im letzten Jahr der Regierung von Ex-Präsident Joe Biden, wie eine Analyse der Fachzeitschrift Science zeigt. Als mögliche Ursachen gelten tiefgreifende Kostensenkungen durch das Department of Government Efficiency, die Ernennung von Ideologen in Führungspositionen sowie Berichte über Zensur in der Forschung.

Eine von der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Umfrage unterstreicht das Ausmaß der Verunsicherung: Drei Viertel von mehr als 1.600 befragten US-Wissenschaftlern erwägen demnach, das Land zu verlassen.

Europa wirbt aktiv um amerikanische Talente

Europäische Regierungen und Institutionen versuchen gezielt, von diesem potenziellen „Brain Gain" zu profitieren. Die Europäische Kommission stellte in diesem Jahr die 500 Millionen Euro schwere Initiative „Choose Europe for Science" vor, die globale Forscher anziehen soll. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ermutigte US-Wissenschaftler öffentlich, „Frankreich zu wählen, Europa zu wählen".

Auch deutsche Institutionen sind aktiv: Die Max-Planck-Gesellschaft hat ihre internationale Rekrutierung ausgeweitet und bietet Unterstützung bei Einwanderung, Wohnungssuche und dem Umzug der gesamten Familie. Europäische Unternehmen wie SAP und Amadeus, die beide im FT/Statista-Ranking der europäischen Arbeitgeber für 2026 aufgestiegen sind, werben mit flexiblen Arbeitszeitregelungen, Karriereentwicklung und familienfreundlichen Richtlinien.

Trotz der wachsenden Signale mahnen Experten zur Vorsicht. Umfassende Daten über hochqualifizierte Amerikaner, die dauerhaft nach Europa übersiedeln, sind nach wie vor begrenzt. Migrationsforscherinnen wie Mary Gilmartin und Clíodhna Murphy von der Maynooth University in Irland weisen darauf hin, dass gesteigertes Interesse an ausländischen Pässen, Visa und akademischen Stellen nicht zwangsläufig zu einer dauerhaften Umsiedlung führt. Die entscheidende Frage bleibt offen: Kann Europa nicht nur Stabilität, sondern auch Karrierechancen bieten, die mit den höheren Gehältern und tieferen Kapitalmärkten der USA mithalten können?

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