Hochtief steigt in DAX auf – Varta kämpft ums Überleben
Während Hochtief den DAX-Aufstieg feiert, droht Batteriekonzern Varta bis Ende Juli die Zerschlagung durch eine schwere Liquiditätskrise.

Der deutsche Aktienmarkt erlebt im Juni 2026 eine markante Neuordnung: Der Baukonzern Hochtief zieht in den DAX ein und verdrängt die Porsche SE. Gleichzeitig kämpft der Batteriehersteller Varta mit einer existenzbedrohenden Finanzierungslücke. Beide Entwicklungen spiegeln die tief gespaltene Lage der deutschen Industrie wider.
Hochtief ersetzt Porsche SE im DAX mit Wirkung zum 23. Juni 2026. Der Aufstieg des Baukonzerns ist das Ergebnis einer beeindruckenden Kursrallye: Der Aktienkurs hat sich im vergangenen Jahr nahezu verdreifacht. Hinzu kommt ein Rekordauftragsbestand, der das Unternehmen in die Riege der 40 größten börsennotierten deutschen Konzerne katapultiert hat.
Hochtief profitiert von der weltweit steigenden Nachfrage nach Infrastruktur, wachsenden Verteidigungsausgaben und dem Boom beim Bau von KI-Rechenzentren in den USA. Ein Tochterunternehmen ist etwa an einem 10-Milliarden-Dollar-Projekt für ein Meta-Rechenzentrum im US-Bundesstaat Indiana beteiligt. Trotz eines vergleichsweise niedrigen Streubesitzes von rund 21 Prozent – 76 Prozent hält die spanische ACS-Gruppe – erfüllte Hochtief mit einer Marktkapitalisierung von knapp 40 Milliarden Euro die strengen Kriterien der Deutschen Börse.
Porsche SE verlässt den DAX mit Milliardenverlust
Porsche SE hingegen muss den DAX verlassen und in den MDAX absteigen. Der Grund: Die Holdinggesellschaft verbuchte im ersten Quartal 2026 einen Verlust von mehr als 900 Millionen Euro, verursacht durch erhebliche Abschreibungen auf ihre Beteiligung am Volkswagen-Konzern. Der daraus resultierende Rückgang der Marktkapitalisierung machte den Abstieg unvermeidlich. Bereits 2025 hatte die Porsche AG, der Sportwagenhersteller, den DAX verlassen müssen – ebenfalls infolge von Kursverlusten in einem schwierigen Umfeld für die Automobilindustrie, das von intensivem Wettbewerb aus China und einem schwierigen Strukturwandel geprägt ist.
Während Hochtief seinen Aufstieg feiert, ringt Varta um das nackte Überleben. Der Batteriehersteller, einst ein Symbol europäischer Innovationskraft, steht vor einer schweren Liquiditätskrise. Werden die Finanzierungslücken nicht geschlossen, droht dem Unternehmen bis Ende Juli die Zerschlagung. Die Wurzeln der Misere liegen in einer Kombination aus hohen Schulden aus vergangenen Expansionsplänen und dem Verlust wichtiger Verträge mit Apple, die zuvor einen erheblichen Teil der Umsätze ausmachten. Bis 2028 droht dem Unternehmen ein Fehlbetrag von über 100 Millionen Euro, darunter allein 70 Millionen Euro an Zinszahlungen.
Zerstrittene Stakeholder erschweren die Rettung
Die Lage bei Varta wird durch die divergierenden Interessen der Beteiligten zusätzlich verkompliziert. Die wichtigsten Konfliktlinien im Überblick:
Gläubiger:
Großgläubiger wie die Deutsche Bank und der Fonds Blantyre erwägen die Verwertung von Sicherheiten. Manche Gläubiger bevorzugen eine Zerschlagung, um die profitable Konsumgütersparte zu verkaufen – deren Wert wird im Distressed-Szenario auf 240 Millionen Euro, unter normalen Bedingungen auf bis zu 390 Millionen Euro geschätzt.
Management:
Die Unternehmensführung setzt auf eine neue Natrium-Ionen-Batterietechnologie und hat ein Konzept für eine Serienproduktion in Deutschland entwickelt, die 2.000 Arbeitsplätze schaffen könnte – möglicherweise am früheren Opel-Standort in Kaiserslautern. Dafür werden jedoch rund zwei Milliarden Euro Kapital benötigt.
Potenzieller Investor:
Der Schweizer Investor Pino Sergio (Allswiss AG) hat angeboten, die Gläubiger auszukaufen und das Unternehmen zu retten. Er sieht in der Natrium-Ionen-Technologie ein „Leuchtturmprojekt" für die europäische Wirtschaft. Einige Gläubiger begegnen seinem Angebot jedoch skeptisch, unter anderem wegen einer früheren Unternehmensinsolvenz in seiner Vergangenheit.
Hauptaktionär:
Michael Tojner verfolgt Berichten zufolge eine eigene Strategie: Er würde den Bereich „Non-Consumer" für einen symbolischen Euro übernehmen und die Konsumgütersparte den Gläubigern überlassen.
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Zur AktienanalyseDie Hauptaktionäre Porsche und Michael Tojner sollen bislang wenig Bereitschaft gezeigt haben, weiteres Kapital einzuschießen. Das Unternehmen ist damit weitgehend auf das Wohlwollen seiner Gläubiger angewiesen. Für zusätzliche Kritik sorgt der Umstand, dass während der Krisenphase Beraterhonorare in Höhe von 43 Millionen Euro geflossen sein sollen.
Zwei Geschichten, ein gespaltenes Deutschland
Der Kontrast zwischen Hochtief und Varta steht sinnbildlich für die Zerrissenheit der deutschen Wirtschaft im Jahr 2026. Auf der einen Seite profitieren Infrastruktur- und Baukonzerne von globalen Megatrends wie Digitalisierung, Energiewende und Aufrüstung. Auf der anderen Seite kämpfen spezialisierte Industrieunternehmen wie Varta mit den Folgen von Abhängigkeiten von Einzelkunden und dem kurzfristigen Kalkül der Finanzmärkte.
Ob Varta die notwendigen Mittel für den Schwenk zur Natrium-Ionen-Technologie sichern kann oder zur Befriedigung von Gläubigerforderungen zerschlagen wird, bleibt die zentrale Frage der kommenden Wochen. Die Uhr tickt – die Frist läuft bis Ende Juli 2026.


