Heide nach Northvolt: Tennet-Hub soll Industrie anlocken
Nach dem Northvolt-Debakel setzt Schleswig-Holstein auf einen neuen Plan: Ein gigantischer Stromdrehkreuz von Tennet soll energieintensive Industrie nach Heide locken. Doch die Skepsis bleibt groß.

Die Westküste Schleswig-Holsteins erlebt ein Déjà-vu. Wo vor zwei Jahren die Batteriezellfabrik Northvolt mit großem Tamtam startete und spektakulär scheiterte, steht nun der nächste Anlauf bevor. Diesmal soll es ein Multiterminal-Hub des Übertragungsnetzbetreibers Tennet richten.
Milliarden-Investition für grüne Energie
Auf 50 Hektar Fläche unweit des ehemaligen Northvolt-Geländes entsteht eine Art gigantische Steckdose für Ökostrom. Mächtige Kabel leiten Energie von Offshore-Windparks der Nordsee nach Heide. Der Großteil fließt weiter Richtung Ostdeutschland, doch ein Teil bleibt vor Ort verfügbar. Die Landesregierung spricht von einer Investition in Höhe von mehreren Milliarden Euro.
Das Konzept dahinter: Billiger grüner Strom soll energieintensive Industrie anziehen – Chemieunternehmen, Wasserstoffproduzenten oder Rechenzentren. Dirk Burmeister, Chef der regionalen Entwicklungsagentur, zeigt sich optimistisch: "Das ist ein Meilenstein für die Standortentwicklung." In 40 Dienstjahren habe er noch nie so gute Voraussetzungen erlebt.
Das Northvolt-Trauma sitzt tief
Die Euphorie fällt dennoch verhalten aus. Zu frisch sind die Erinnerungen an März 2024, als Bundeskanzler Scholz, Wirtschaftsminister Habeck und Ministerpräsident Günther den Spatenstich für die Northvolt-Fabrik feierten. 4,5 Milliarden Euro Investition, 3000 direkte Arbeitsplätze, bis zu 10.000 mit Zulieferern – das Projekt sollte zum Gamechanger werden.
Bund und Land schossen 600 Millionen Euro über eine KfW-Wandelanleihe zu. Wenige Tage nach dem Spatenstich rollten die Bagger. Doch ebenso turboschnell platzte der Traum: Im vergangenen Jahr meldete Northvolt Insolvenz an. Die Baustelle in Heide wurde zum Geisterflughafen.
Lyten als neuer Hoffnungsträger
Jetzt soll es das US-Unternehmen Lyten richten. Die 2015 im Silicon Valley gegründete Firma will auf dem Northvolt-Gelände Lithium-Schwefelbatterien und ein Rechenzentrum aufbauen. Zu den Investoren zählen FedEx, Stellantis und Honeywell. 1000 Arbeitsplätze sind geplant.
Allerdings verzögert sich das Projekt. Ein "Closing", also der Vertragsabschluss, wurde für 2025 angekündigt – bis heute wartet man darauf. Bei seinem Auftritt im Kieler Landtag präsentierte Lyten-Chef Dan Cook eine Batterie in AA-Größe, was für Verwunderung sorgte.
Politik fordert Transparenz
SPD-Wirtschaftsexperte Kianusch Stender mahnt zur Vorsicht. "Lyten darf keinen Freifahrtschein erhalten." Die Lehre aus Northvolt sei, dass Schnelligkeit nicht vor Genauigkeit gehen dürfe. Er fordert Transparenz über den Kaufpreis für das Gelände und ein konkretes Konzept.
Von der ursprünglichen KfW-Wandelanleihe über 600 Millionen Euro liegen noch rund 264 Millionen auf einem Sperrkonto. Bund und Land wollen möglichst viel davon zurückholen. Gleichzeitig soll ein potenzieller Käufer das Gelände ohne Altlasten übernehmen können.
Hub als Stromdrehkreuz der Zukunft
Der Tennet-Hub ist mehr als nur eine Durchleitungsstation. Die Multiterminal-Technologie vernetzt mehrere Systeme und ermöglicht erstmals Querverbindungen statt reiner Punkt-zu-Punkt-Verbindungen. Zwei Offshore-Stränge mit vier Gigawatt Leistung werden mit dem NordOstLink nach Mecklenburg-Vorpommern verknüpft.
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Zur AktienanalyseÜber Konverter und Umspannwerk fließt der Strom auch ins regionale Wechselstromnetz. "Elektrolyseure, Rechenzentren, energieintensive Produktion – alles kann angeschlossen werden", erklärt Burmeister. Die Region bietet zudem eine Datenleitung von GlobalConnect und soll bis 2032 ans bundesweite Wasserstoff-Kernnetz angeschlossen werden.
Zwischen Hoffnung und Skepsis
Die Raffinerie Heide in Hemmingstedt könnte künftig synthetische Kraftstoffe herstellen. "Grüne Raffinerie, grünes Gewerbe und Produktion – das ist der Weg", betont Burmeister. Er verweist auf internationales Investoreninteresse.
Doch trotz des demonstrativen Optimismus bleibt die Zukunft Heides eng mit dem Northvolt-Erbe verknüpft. Das umzäunte und mit Stacheldraht gesicherte Gelände am Blauen Lappen wirkt verlassen. Ob es wirklich losgeht, werden Burmeister und seine Kollegen erst wissen, wenn die ersten Werke tatsächlich in Betrieb gehen.
Die Landesregierung rechnet mit einem Abschluss der Lyten-Verhandlungen bis Ende März. Bis dahin dürfte beim Spatenstich für das Multiterminal der Jubel verhalten ausfallen. Es ist ein Anfang – mehr aber auch nicht.

