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Halbleiter als Rohstoffe: Steht ein Superzyklus bevor?

Ned Davis Research sieht Chips fest in der Wirtschaft verankert – doch 73% der Fondsmanager warnen vor einem überlaufenen Trade.

Halbleiter als Rohstoffe: Steht ein Superzyklus bevor?

Der Boom bei Chip-Aktien ist kaum zu übersehen. Der PHLX Semiconductor Index (SOX) legte seit Jahresbeginn um fast 80% zu – ein Anstieg, der selbst erfahrene Marktbeobachter aufhorchen lässt. Das zentrale Argument hinter dieser Rallye: Der rasante Ausbau der Künstlichen Intelligenz (KI) benötigt immer leistungsfähigere Chips – möglicherweise mehr, als die Branche überhaupt liefern kann.

Ned Davis Research unterstreicht dabei eine langfristige These: Rechenleistung und Halbleiter sind inzwischen so tief in die globale Wirtschaft integriert, dass sie zunehmend wie klassische Rohstoffe betrachtet werden sollten. Ähnlich wie Öl oder Kupfer einst die Industrialisierung antrieben, könnten Chips zum unverzichtbaren Grundstoff der digitalen Wirtschaft werden – mit entsprechend struktureller Nachfrage über Konjunkturzyklen hinweg.

Blase oder Superzyklus? Die Debatte unter Investoren

Trotz der beeindruckenden Kursgewinne wächst die Skepsis unter institutionellen Anlegern. Eine im Mai durchgeführte Umfrage der Bank of America zeigt: 73% der globalen Fondsmanager betrachten „Long-Positionen in globalen Halbleitern" als den am stärksten überlaufenen Trade am Markt. Das ist ein dramatischer Anstieg – im Vormonat lag dieser Wert noch bei lediglich 24%, als Long-Positionen in Chips noch gleichauf mit Öl lagen.

Diese Zahlen verdeutlichen, wie schnell sich die Stimmung unter professionellen Investoren verschoben hat. Ein „überlaufener Trade" bedeutet in der Finanzsprache, dass sehr viele Marktteilnehmer bereits auf dieselbe Wette gesetzt haben – was das Rückschlagrisiko erhöht, sollte die Euphorie nachlassen oder Enttäuschungen auftreten.

Die Sorge vor einer Blasenbildung nach dem Vorbild der Dotcom-Ära ist dabei nicht von der Hand zu weisen. Damals trieb die Begeisterung für das Internet die Bewertungen von Technologieunternehmen in schwindelerregende Höhen, bevor der Markt ab dem Jahr 2000 massiv einbrach. Kritiker sehen Parallelen in der aktuellen KI-Euphorie, die Chip-Aktien auf Rekordniveaus getrieben hat.

KI als Treiber einer strukturellen Nachfrage

Auf der anderen Seite stehen Argumente, die über kurzfristige Spekulationen hinausgehen. Die Nachfrage nach fortschrittlichen Halbleitern für KI-Anwendungen – von Rechenzentren über autonome Fahrzeuge bis hin zu industriellen Automatisierungslösungen – gilt als strukturell und langfristig. Befürworter der Superzyklus-These sehen darin einen fundamentalen Unterschied zur Dotcom-Blase, bei der viele Unternehmen kaum Umsätze vorweisen konnten.

Für deutsche Privatanleger ist die Debatte besonders relevant. Der europäische Halbleitersektor – mit Unternehmen wie ASML oder Infineon – ist eng mit den globalen Lieferketten verknüpft. Ein anhaltender Boom würde auch hiesige Aktien beflügeln, während eine Korrektur entsprechende Risiken mit sich brächte.

Die entscheidende Frage bleibt offen: Erleben wir den Beginn eines langfristigen Superzyklus bei Halbleitern – oder hat die KI-Euphorie die Bewertungen bereits weit über das fundamental gerechtfertigte Maß hinausgetrieben? Die stark gestiegene Zahl skeptischer Fondsmanager mahnt zumindest zur Vorsicht.

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