Größte Cannabis-Studie: Keine Wirkung bei Angst und Depression
Eine Lancet-Analyse über 45 Jahre zeigt: Medizinisches Cannabis hilft bei psychischen Erkrankungen nicht – und kann sogar schaden.

Die bislang umfangreichste Untersuchung zu medizinischem Cannabis liefert ein klares Ergebnis: Bei Angstzuständen, Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) ist Cannabis nicht wirksam. Die in der renommierten Fachzeitschrift The Lancet veröffentlichte Studie der Universität Sydney analysierte 54 randomisierte kontrollierte Studien aus 45 Jahren (1980–2025) und gilt damit als die größte ihrer Art weltweit.
Besonders brisant ist dieser Befund angesichts der Verbreitung des Konsums: Rund 27 Prozent der 16- bis 65-Jährigen in den USA und Kanada geben an, Cannabis medizinisch zu nutzen. Etwa die Hälfte davon tut dies nach eigenen Angaben zur Bewältigung psychischer Symptome – also genau jener Beschwerden, für die die Studie nun keine Wirksamkeit belegen konnte.
Cannabis kann psychische Gesundheit sogar verschlechtern
Hauptautor Dr. Jack Wilson vom Matilda Centre der Universität Sydney warnt vor den möglichen Risiken eines routinemäßigen Einsatzes. „Obwohl unsere Arbeit dies nicht spezifisch untersucht hat, könnte der routinemäßige Gebrauch von medizinischem Cannabis mehr schaden als nützen, indem er die psychische Gesundheit verschlechtert – etwa durch ein höheres Risiko für psychotische Symptome und die Entwicklung einer Cannabis-Abhängigkeit – und den Einsatz wirksamerer Behandlungen verzögert", sagte er.
Die Forscher betonen damit nicht nur die fehlende Wirksamkeit, sondern auch das aktive Schadenpotenzial: Wer auf Cannabis setzt, riskiert, bewährte und evidenzbasierte Therapien zu verzögern oder ganz zu verpassen.
Bei einigen anderen Erkrankungen fanden die Forscher zumindest begrenzte Hinweise auf einen Nutzen. Dazu zählen Cannabis-Gebrauchsstörungen, Autismus, Schlaflosigkeit sowie Tics und das Tourette-Syndrom. Dr. Wilson schränkte jedoch ein: „Die allgemeine Qualität der Evidenz für diese anderen Erkrankungen wie Autismus und Schlaflosigkeit war jedoch gering. Ohne robuste medizinische oder beratende Unterstützung ist der Einsatz von medizinischem Cannabis in diesen Fällen selten gerechtfertigt."
Für bestimmte körperliche Erkrankungen hingegen sei die Datenlage besser: Bei der Reduktion von Krampfanfällen bei bestimmten Epilepsieformen, bei Spastik infolge Multipler Sklerose sowie bei der Behandlung bestimmter Schmerzarten gebe es Belege für einen Nutzen. Diese Erkrankungen waren jedoch nicht der Fokus der aktuellen Analyse.
Gemischte Ergebnisse bei Substanzgebrauchsstörungen
Ein differenziertes Bild zeigt sich bei Substanzgebrauchsstörungen. Cannabisbasierte Behandlungen könnten Menschen mit einer Cannabis-Abhängigkeit helfen – ähnlich wie Methadon bei der Opioid-Abhängigkeit eingesetzt wird. „Wenn es zusammen mit einer psychologischen Therapie verabreicht wurde, konnte ein orales Cannabis-Präparat den Cannabiskonsum reduzieren", erklärte Dr. Wilson.
Besorgniserregend ist hingegen der Befund bei Kokain-Abhängigkeit: Dort steigerte Cannabis das Verlangen (Craving) der Betroffenen. „Das bedeutet, dass es für diesen Zweck nicht in Betracht gezogen werden sollte und die Kokainabhängigkeit tatsächlich verschlimmern kann", so Dr. Wilson.
Forderungen nach strengerer Regulierung
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalyseDie Ergebnisse verstärken den Ruf nach einer strengeren Aufsicht über medizinische Cannabisprodukte. Bereits die American Medical Association hatte angesichts des rasanten Anstiegs von Gebrauch und Verschreibung Bedenken geäußert. Experten verweisen auf die begrenzte Regulierung und anhaltende Unsicherheiten über Wirksamkeit und Sicherheit.
Dr. Wilson sieht die Studie als wichtigen Schritt für eine evidenzbasierte Medizin: „Unsere Studie bietet eine umfassende und unabhängige Bewertung des Nutzens und der Risiken von Cannabis-Medikamenten, die Kliniker dabei unterstützen kann, evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen. Dies trägt dazu bei, dass Patienten wirksame Behandlungen erhalten, während gleichzeitig Schäden durch unwirksame oder unsichere Cannabisprodukte minimiert werden."
Die Forschung wurde vom australischen National Health and Medical Research Council (NHMRC) finanziert. Für deutsche Anleger, die in den wachsenden Cannabis-Sektor investiert haben oder dies erwägen, unterstreicht die Studie das regulatorische Risiko: Strengere Auflagen für medizinisches Cannabis könnten den Markt erheblich beeinflussen.


