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Grossmann Uhren: Glashütter Independent Brand trotzt den Schweizer Konzernen

Während A. Lange & Söhne und Glashütte Original zu Schweizer Konzernen gehören, bleibt Grossmann Uhren GmbH bewusst unabhängig – und sammelt Patente.

Grossmann Uhren: Glashütter Independent Brand trotzt den Schweizer Konzernen

Wer an hochwertige mechanische Uhren aus Glashütte denkt, dem kommen meist zwei Namen in den Sinn: A. Lange & Söhne und Glashütte Original. Doch beide Aushängeschilder des deutschen Uhrenbaus sind längst in Schweizer Händen. Lange gehört seit dem Jahr 2000 zum Richemont-Konzern, Glashütte Original übernahm die Swatch Group im selben Jahr.

Abseits dieser bekannten Namen rückt das Deutsche Uhrenmuseum in Glashütte derzeit eine dritte bedeutende Marke ins Rampenlicht. Anlass ist der 200. Geburtstag von Moritz Grossmann, der in Dresden geboren wurde und die Uhrmacherei in Glashütte nachhaltig prägte. Ferdinand Adolph Lange überzeugte ihn einst, eine eigene Werkstatt zu eröffnen. 1878 gründete Grossmann die Deutsche Uhrmacherschule – ein historischer Meilenstein. Er starb früh, das Unternehmen wurde 1885 aufgelöst.

Grossmanns Erbe liegt dabei nicht allein im handwerklichen Produkt. Er transformierte die Uhrmacherei von einem reinen Erfahrungsberuf in eine wissenschaftlich fundierte Disziplin. Durch ihn wurde das metrische System in der Branche eingeführt, was Glashütter Uhren einen messbaren Präzisionsvorteil gegenüber der Schweizer Konkurrenz verschaffte. Zudem entwickelte er präzise Messinstrumente wie Mikrometer und das Zehntelmaß.

Neustart im Jahr 2008 – mit einem Briefkasten

Im Jahr 2008 sicherte sich die gelernte Uhrmacherin und Managerin Christine Hutter die Namensrechte und gründete das heutige Unternehmen neu. Als einzige Frau in den Führungsetagen Glashütter Uhrenhersteller setzt sie bewusst auf Eigensinn. „Wir denken um die Ecke", sagt sie. Was anfangs vor allem in Fernost Anklang fand, zieht inzwischen weltweit Sammler sogenannter Independent Brands an – also kleiner, von Uhrmachern gegründeter Marken.

Hutter entwickelt mit Vorliebe ungewöhnliche Mechanismen. So führte sie 2019 das Automatikkaliber „Hamatic" ein, das Uhren nicht über einen klassischen Rotor, sondern über eine hammerförmige Pendelschwungmasse aufzieht. Ein weiteres Modell namens „Universalzeit" zeigt sechs digitale Zeitfenster mit Weltkarte auf dem Zifferblatt – technisch wie optisch ein Alleinstellungsmerkmal.

Die Verarbeitungsqualität bewegt sich auf höchstem Niveau und muss den Vergleich mit Patek Philippe oder A. Lange & Söhne nicht scheuen. Weiße Saphirlagersteine ruhen in erhabenen Chatons, von Hand braun-violett angelassene Schrauben halten die Bauteile zusammen. In nur 18 Jahren entstanden 15 eigene Uhrwerke, die Manufaktur hält 12 Patente – darunter eines für ein fliegend gelagertes Drei-Minuten-Tourbillon.

Handwerk, Ästhetik und historische Vorbilder

Viele Gestaltungsprinzipien stammen aus alten Taschenuhren. Statt der in Glashütte üblichen Dreiviertellösung setzt Grossmann auf eine selbstkonstruierte und handverzierte Zweidrittelplatine. Über 90 Prozent des Uhrwerks entstehen vor Ort, darunter handgefertigte Zeiger und Zifferblätter, veredelt mit historischen Techniken wie der Tremblage-Gravur. Erhabene Schönheit gilt als oberstes Prinzip.

Die Preise spiegeln diesen Anspruch wider: Eine Grossmann-Uhr beginnt bei rund 30.000 Euro. Das Tourbillon-Modell kostet bis zu 240.000 Euro – und ein menschliches Haar stoppt dabei den Mechanismus. Kunden schicken mitunter ihr eigenes Haar ein, ansonsten kommt das der Firmengründerin zum Einsatz. Grenzen gibt es dennoch: „Tierhaare erfüllen technisch nicht die notwendigen Voraussetzungen", erklärt Hutter.

Im Jubiläumsjahr entstehen rund 400 Uhren – bescheidene Stückzahlen verglichen mit den geschätzten 5.000 Exemplaren von A. Lange & Söhne und 15.000 von Glashütte Original. Klein und fein zu bleiben ist dabei kein Zufall, sondern Strategie. Hutters langfristiges Ziel: „Die Herstellung von 800 bis 1.000 Uhren pro Jahr." Damit würde Grossmann bereits zu den größeren Independent Brands zählen.

Asien als wichtigster Markt, Auktionen als Qualitätstest

Über 70 Mitarbeiter arbeiten am Standort Glashütte. Der wichtigste Absatzmarkt ist nach wie vor Asien – insbesondere japanische Sammler schätzen die kompromisslose Detailqualität. Kein Zufall also, dass sich die einzige Grossmann-Boutique weltweit in Tokio befindet.

Inzwischen tauchen Grossmann-Modelle regelmäßig auf Auktionen auf. Dass dabei „nie unter Wert zugeschlagen" wurde, wie Hutter betont, ist ein wichtiger Reifetest – den junge Manufakturen selten bestehen. Für sie ist es ein Beleg dafür, dass sich die Marke etabliert hat. Ganz ohne Schweizer Kapital geht es dennoch nicht: Die Holding hinter Grossmann befindet sich im Privatbesitz deutscher und Schweizer Investoren.

Die Sonderausstellung „Grossmann 200" im Deutschen Uhrenmuseum Glashütte läuft noch bis Mai 2027. Sie rückt Moritz Grossmann so ausführlich wie nie zuvor ins Zentrum – als Uhrmacher, Erfinder, Stadtrat und zeitweiliger Landtagsabgeordneter in Dresden. Erstmals öffentlich zu sehen sind auch die Entwürfe eines geplanten, kriegsbedingt nie gebauten Denkmals sowie ein ausführliches Werkverzeichnis. Ein würdiger Rahmen für eine Marke, die beweist: Aus Glashütte kommt mehr als nur Schweizer Konzernware.

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