Großbritannien zahlt Verbrauchern für reduzierten Stromverbrauch zur Netzstabilisierung
Der britische Netzbetreiber Neso setzt zunehmend auf Haushalte und Unternehmen, um das Stromnetz stabil zu halten.

Der britische Stromnetzbetreiber National Energy System Operator (Neso) hat seit Mitte April Haushalte und Unternehmen mehrfach dafür bezahlt, ihren Stromverbrauch zu bestimmten Zeiten zu senken. Ziel ist es, das Stromsystem zu steuern und Blackouts zu vermeiden. Insgesamt gab Neso zwischen Mitte April und dem vergangenen Dienstag 777.800 Britische Pfund aus, um Verbraucher zur Reduktion ihres Verbrauchs zu bewegen.
Im Gegenzug drosselten Haushalte und Unternehmen ihren Stromverbrauch um insgesamt 4.739 Megawattstunden – das entspricht dem Tagesverbrauch von rund 693.000 Haushalten. Dieser Wert ist mehr als doppelt so hoch wie die 2.083 MWh, für deren Nichtverbrauch Kunden im gleichen Zeitraum des Vorjahres vergütet wurden. Die Nachfrage nach dieser Art von Netzflexibilität wächst damit deutlich.
Besonders deutlich wurde dies an einem heißen Tag am 9. Juli: Als Neso den Markt zur Bereitstellung zusätzlicher Strommengen aufrief, zahlte der Betreiber insgesamt 47.288 Britische Pfund an Verbraucher, damit diese ihren Verbrauch zwischen 17:00 und 23:00 Uhr um insgesamt 233 MWh reduzierten. Die Zahlungen fließen zunächst an Energieversorger wie Octopus Energy, die sie dann an ihre Kunden weitergeben.
Demand Flexibility Service: Vom Winterprogramm zum Ganzjahresinstrument
Das Programm läuft unter dem Namen „Demand Flexibility Service" und wurde ursprünglich eingeführt, um die Spitzennachfrage im Winter zu dämpfen. Hintergrund war die Energiekrise 2022, als ernsthafte Sorgen um die britische Stromversorgungssicherheit bestanden. Damals wurden erstmals auch Haushalte und kleinere Unternehmen – und nicht nur große Industriekunden – gebeten, zum Netzausgleich beizutragen.
Inzwischen ist das Programm fest im Instrumentarium von Neso verankert und läuft das ganze Jahr über. Erstmals in diesem Jahr konnte Neso den Haushalten auch Zahlungen anbieten, wenn sie ihren Verbrauch zu bestimmten Zeiten erhöhen – etwa bei sehr hoher Solarstromproduktion an sonnigen Tagen. Allerdings fand der Betreiber in den meisten Fällen andere Lösungen, etwa das Laden von Batterien oder den Stromexport auf das europäische Festland. Lediglich 0,5 MWh an zusätzlichem Verbrauch wurden auf diesem Weg vergütet.
Die Maßnahmen stehen im Wettbewerb mit anderen Netzausgleichsinstrumenten, wie etwa Zahlungen an Kraftwerke, damit diese ihre Leistung erhöhen oder drosseln. Die Analyse der von Neso veröffentlichten Daten durch die Financial Times zeigt, wie der Betreiber zunehmend auf die Verbraucherseite setzt, um Angebot und Nachfrage im Netz auszubalancieren – eine Aufgabe, die durch den Ausbau erneuerbarer Energien immer komplexer wird.
Experten: Flexibilität wird ganzjährig gebraucht
„Flexibilität wird zu einem immer wichtigeren Bestandteil des Betriebs des britischen Stromsystems", sagte ein Sprecher von Neso. Die bisherige Resonanz zeige, dass „Haushalte und Unternehmen bereit sind, eine direkte Rolle beim Netzausgleich zu spielen, indem sie ihren Stromverbrauch zu entscheidenden Zeiten verlagern."
Noémie Baud, Analystin beim Marktdatengeber Montel, erklärte, der Demand Flexibility Service spiele „eine wichtige Rolle im Instrumentarium von Neso" und biete die zusätzliche Flexibilität, die zur Steuerung des zunehmend volatilen Stromsystems erforderlich sei. „Dieser Bedarf beschränkt sich nicht mehr nur auf die Wintermonate, sondern besteht auch im Sommer", so Baud.
Neso geht davon aus, dass die Flexibilisierung der Verbrauchernachfrage im Zuge der Regierungspläne zur Dekarbonisierung der Stromversorgung bis 2030 eine deutlich wichtigere Rolle spielen wird. Der Ausbau erneuerbarer Energien macht das Stromsystem volatiler, da Sonne und Wind nicht konstant verfügbar sind – flexible Verbraucher können helfen, diese Schwankungen auszugleichen.
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Zur AktienanalyseNeso unter politischem Druck
Parallel zu den Berichten über das Flexibilitätsprogramm geriet Neso zuletzt unter politischen Druck. Claire Coutinho, britische Schattenministerin für Energie, behauptete im Parlament, der Betreiber habe an einem heißen Tag am 23. Juni die Sicherheitsstandards nicht eingehalten. Zudem seien operative Entscheidungen auf Basis von „Live"-Dokumenten ohne Prüfpfad getroffen worden, und Mitarbeiter aus der Abteilung für Unternehmensangelegenheiten hätten sich in operative Abläufe eingemischt.
Neso hat daraufhin die Anwaltskanzlei Eversheds Sutherland eingeschaltet, um die Vorwürfe zu untersuchen. Ein Sprecher des Unternehmens wies die Anschuldigungen zurück: „Alle operativen Entscheidungen werden von autorisiertem Personal im Rahmen festgelegter Verfahren getroffen; alles andere zu behaupten, wäre falsch. Neso weist seine Mitarbeiter nicht an, Aufzeichnungen zu unterlassen. Unsere Priorität ist der sichere Betrieb des britischen Stromsystems."


