Großbritannien zahlt Haushalten für höheren Stromverbrauch bei Überangebot
Der britische Netzbetreiber Neso führt noch vor dem Sommer ein neues Programm ein, das Verbraucher für erhöhten Stromverbrauch belohnt.

Britische Haushalte und Industriebetriebe sollen künftig Zahlungen erhalten, wenn sie zu bestimmten Tageszeiten mehr Strom verbrauchen. Der National Energy System Operator (Neso) gab bekannt, dass das entsprechende Programm noch vor dem Sommer eingeführt wird. Hintergrund ist ein wachsendes Überangebot an Energie, das vor allem durch den rasanten Ausbau der Solarenergie entsteht.
Der staatliche Konzern ist dafür verantwortlich, dass Stromangebot und -nachfrage stets im Gleichgewicht bleiben, um Stromausfälle zu vermeiden. Bislang griff Neso vor allem auf der Angebotsseite ein, wenn der Großhandelsmarkt Lücken nicht schließen konnte. Mit dem wachsenden Anteil erneuerbarer Energien verlagert sich der Fokus nun zunehmend auf die Steuerung der Nachfrageseite.
Das neue Modell ist eine Erweiterung des sogenannten „Demand Flexibility Service", den Neso im Winter 2022 einführte. Damals wurden Verbraucher dafür belohnt, ihren Stromverbrauch bei drohenden Engpässen zu reduzieren. Nun wird das Prinzip umgekehrt: Verbraucher sollen Anreize erhalten, in Zeiten des Überangebots mehr Strom zu verbrauchen.
Waschmaschine und Elektroauto als Flexibilitätswerkzeuge
Im Rahmen des neuen Programms wird Neso den Energieversorgern Zahlungen anbieten, wenn die Nachfrage gesteigert werden soll. Die Versorger sollen diese Anreize in Form von Direktzahlungen, Preisnachlässen oder anderen Vergünstigungen an ihre Kunden weitergeben. Konkrete Beispiele sind das Einschalten der Waschmaschine oder das Laden eines Elektroautos zu günstigen Zeiten. Auch Fabriken könnten teilnehmen, indem sie schwere Maschinen gezielt in Betrieb nehmen.
Die Zahlungen können sowohl regional als auch landesweit angeboten werden – je nachdem, was die aktuelle Netzlage erfordert. Die Höhe der Vergütungen richtet sich nach dem Markt. Neso betonte, dass die Aufforderung an Haushalte, mehr Strom zu verbrauchen, in manchen Fällen günstiger sein kann als die bisherige Praxis: Derzeit zahlt der Konzern bereits erhebliche Summen als Entschädigung an Windparks, die abgeschaltet werden müssen, weil der produzierte Strom nicht genutzt werden kann.
„Instrumente wie der Demand Flexibility Service belohnen nicht nur Verbraucher und Unternehmen für eine flexible Stromnutzung, sondern stärken auch die Resilienz und Effizienz des britischen Stromnetzes", sagte Deborah Petterson, Direktorin für Resilienz und Notfallmanagement bei Neso.
Solarenergie wächst rasant – und bringt neue Herausforderungen
Die britische Solarkapazität ist seit 2010 um mehr als das 700-Fache auf rund 22 Gigawatt gestiegen. Die Regierung strebt bis 2030 eine Kapazität von bis zu 47 Gigawatt an, um ihre Dekarbonisierungsziele zu erreichen. Dieser Boom führt bereits heute zu immer häufigeren Phasen negativer Strompreise zu Tageszeiten mit besonders hoher Solarstromerzeugung.
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalyseSolarenergie bringt dabei besondere technische Komplikationen mit sich: Sie ist in der Regel nicht an das zentrale Hochspannungs-Übertragungsnetz angeschlossen. Das bedeutet, Neso hat weniger Einblick in die schwankende Einspeisung. Zudem können Dachanlagen dazu führen, dass Haushalte zeitweise gar keinen Strom aus dem Netz beziehen.
In seinem Sommerausblick erklärte Neso, dass der Zuwachs an Solarparks und Dachanlagen dazu führen könnte, dass die Nachfrage im Übertragungsnetz in diesem Sommer unter die im Vorjahr verzeichneten Rekordtiefs fällt. Ohne aktives Eingreifen des Netzbetreibers reichen niedrige oder negative Preise allein möglicherweise nicht aus, um den Markt ins Gleichgewicht zu bringen.
Ein Blick ins europäische Ausland zeigt, wohin die Entwicklung führen kann: In Spanien hat der Reichtum an Sonne und Solaranlagen zu einem massiven Stromüberschuss tagsüber geführt. Dieser Überschuss lässt genau dann nach, wenn die Nachfrage am Abend ansteigt. Bisher haben die spanischen Behörden jedoch kaum Maßnahmen ergriffen, um die Nachfrage gezielt in Zeiten hoher Verfügbarkeit zu verlagern – mit der Folge, dass viele Solarproduzenten Schwierigkeiten haben, profitabel zu wirtschaften. Großbritannien will diesen Weg offenbar nicht gehen und setzt frühzeitig auf aktives Nachfragemanagement.


