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Großbritannien muss seinen Begriff von Spitzentechnologie neu definieren

Die britische Regierung setzt auf Reindustrialisierung – doch ihre Definition von „fortschrittlicher Fertigung" ist zu eng und schadet innovativen Unternehmen.

Großbritannien muss seinen Begriff von Spitzentechnologie neu definieren

Großbritannien will Industrienation der Zukunft werden. Premierminister Keir Starmer hat die Reindustrialisierung ins Zentrum seiner Wirtschaftsvision gerückt. Doch ein grundlegendes Problem bremst diesen Anspruch: Die offizielle Definition von „fortschrittlicher Fertigung" ist zu eng gefasst und lässt viele innovative britische Unternehmen außen vor.

Das jüngste Strategiepapier des Vereinigten Königreichs zur fortschrittlichen Fertigung konzentriert sich auf lediglich sechs sogenannte „Spitzentechnologie-Branchen": Automobilbau, Batterien, Luft- und Raumfahrt, Weltraumtechnik, fortschrittliche Materialien und Agrartechnologie. Kritiker bezeichnen diese Liste als absurd schmal – und damit als ungeeignet, die tatsächliche Breite britischer Innovationskraft abzubilden.

Wenn Zuverlässigkeit wichtiger ist als Technologie

Ein Paradebeispiel für die Lücken dieser Definition liefert AESSeal, ein Hersteller von technischen Dichtungen aus Rotherham in South Yorkshire. Das Unternehmen hat sich eine weltweit führende Position erarbeitet – nicht durch spektakuläre Hochtechnologie, sondern durch die Kombination von Ingenieurskunst mit konsequentem Fokus auf Ersatzteillieferung und technischen Support. „Wir sind weniger ein Fertigungsunternehmen als vielmehr ein Zuverlässigkeitsunternehmen", sagt Gründer und Geschäftsführer Chris Rea. AESSeal würde in die gängige Klassifizierung der fortschrittlichen Fertigung kaum passen – obwohl das Unternehmen genau das verkörpert, was britische Industriepolitik fördern sollte.

Ähnlich verhält es sich mit Brompton Bicycle aus London. Der Erfolg des Unternehmens basiert auf einem genialen Faltrad-Design aus den 1970er Jahren, das beschreibt, wie mehr als 1.000 Komponenten zusammengefügt werden. Die wichtigste Technologie dabei ist das Hartlöten – ein Verfahren, das bereits vor 5.000 Jahren von den alten Sumerern erfunden wurde. Trotzdem ist Brompton ein global anerkanntes Erfolgsmodell britischer Fertigung.

Auch Games Workshop, ein Hersteller von Miniatur-Fantasy-Figuren für Tabletop-Spiele, gilt selten als fortschrittlicher Hersteller – obwohl das Unternehmen sich zu einem Börsenstar entwickelt hat. Das Geheimnis: Games Workshop nutzt das Internet und ein weltweites Netzwerk von Einzelhandelsgeschäften, um Spieler rund um den Globus zu erreichen. Neuartiges Managementdenken, kombiniert mit technischem Fachwissen, schuf einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil.

Internationale Vorbilder zeigen den Weg

Andere Länder machen es besser. Das Nationale Statistikamt Chinas hat in einer Studie über Wachstumsmechanismen drei Haupttreiber identifiziert: neue Industrien, neue Geschäftsformate und neue Geschäftsmodelle. Neben Technologie spielen dabei „weichere" Elemente eine zentrale Rolle – etwa die Kombination von Service-Denken mit Produktentwicklung oder das Finden neuer Wege zur Kundenansprache.

Das US Center for Advanced Manufacturing verfolgt ebenfalls einen inklusiveren Ansatz. Es fördert gezielt sogenannte „Manufacturing Mavericks" – Visionäre, die die Fertigung durch kühne Ideen und fortschrittliche Technologien transformieren. Ein Konzept, das weit über starre Branchenlisten hinausgeht.

Für die neue britische Regierung unter Wirtschaftsminister Jonathan Reynolds ergibt sich daraus eine klare Aufgabe: Die bestehende Methodik zur Klassifizierung fortschrittlicher Fertigung reicht nicht aus, um die vielen exzellenten britischen Unternehmen zu erfassen, die an der Spitze der Wachstumsbemühungen stehen sollten. Solange offizielle Definitionen zu eng gefasst bleiben, werden weniger prominente, aber hochinnovative Akteure bei der Vergabe staatlicher Zuschüsse und Ressourcen systematisch benachteiligt.

Eine sinnvollere Definition würde Technologie einbeziehen, aber um abstraktere Ideen ergänzen – etwa die Art und Weise, wie Unternehmen einzelne Technologien kombinieren, um neue Lösungen zu entwickeln, oder wie sie Servicedenken mit Produktentwicklung verbinden. Großbritannien hat die Unternehmen. Was fehlt, ist der politische Rahmen, der sie sichtbar macht.

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