Großbritannien: Mehr Investoren statt höherer Kapitalertragsteuer nötig
Hargreaves-Lansdown-Chef warnt: Steuerpläne der britischen Regierung gefährden Investitionskultur und schaden der Vermögensbildung von Millionen Briten.

Großbritannien kämpft mit einer erheblichen Investitionslücke. Millionen Privatpersonen halten ihr Vermögen in bar und verlieren dabei durch die Inflation reale Kaufkraft. Gleichzeitig entgeht ihnen die langfristige finanzielle Sicherheit, die diszipliniertes Investieren bieten kann. Laut Schätzungen sind mehr als 600 Milliarden Britische Pfund in sogenannter „überschüssiger Liquidität" gebunden – Kapital, das produktiv investiert werden könnte.
Diese Situation schadet nicht nur dem Einzelnen, sondern auch der gesamten Volkswirtschaft. Tiefe, breite und liquide Kapitalmärkte gelten als Grundvoraussetzung für eine starke Wirtschaft. Der Chief Executive von Hargreaves Lansdown, einem der größten britischen Finanzdienstleister, macht in einem Gastbeitrag für die Financial Times deutlich, was jetzt gebraucht wird – und was nicht.
Kapitalertragsteuer-Erhöhung kontraproduktiv
Konkret warnt er vor Plänen, die Kapitalertragsteuer (Capital Gains Tax, CGT) anzuheben. Ein bewährtes ökonomisches Prinzip besagt: Man bekommt weniger von dem, was man besteuert. Wer Investitionen stärker besteuert, wird weniger Investitionen erhalten – ein direkter Widerspruch zum erklärten Ziel der britischen Regierung, eine stärkere Privatanlegerkultur aufzubauen.
Der Unterschied zwischen Lohneinkommen und Anlageerträgen ist dabei entscheidend. Ein Gehalt wird regelmäßig als Gegenleistung für geleistete Arbeit gezahlt. Anlageerträge hingegen sind ungewiss: Anleger setzen Kapital ein, das oft bereits versteuert wurde, akzeptieren das Risiko eines Totalverlusts und müssen unter Umständen viele Jahre auf eine Rendite warten. Beide gleich zu besteuern, ignoriert diesen fundamentalen wirtschaftlichen Unterschied.
Ein konkretes Rechenbeispiel verdeutlicht die Tragweite: Wer 100.000 Britische Pfund außerhalb eines steuerbegünstigten Kontos investiert und eine Jahresrendite von 10 Prozent erzielt, behält bei einem CGT-Satz von 24 Prozent (aktueller Satz) nach Ausschöpfung des Freibetrags von 3.000 Pfund noch 7.600 Pfund vom Gewinn. Bei einem Satz von 45 Prozent wären es nur noch 5.500 Pfund. Der Steuersatz steigt um 21 Prozentpunkte – doch die Nachsteuerrendite des Anlegers sinkt um fast 28 Prozent.
Anleger reagieren auf Anreize
Menschen reagieren auf Anreize – das gilt auch und gerade beim Investieren. Umfragen zeigen, dass britische Verbraucher die Wahrscheinlichkeit, bei einer Investition über zehn Jahre Geld zu verlieren, bereits jetzt um das bis zu Siebenfache überschätzen. Für ohnehin zögerliche Haushalte könnte ein deutlich geringerer Anteil am Ertrag ausreichen, um ihr Geld lieber in bar zu halten.
Andere Anleger könnten den Verkauf von Anlagen aufschieben, sich stärker auf Steuersparmodelle konzentrieren oder Märkte mit günstigerer steuerlicher Behandlung bevorzugen. Auch für private Unternehmen hätte eine höhere CGT Folgen: Unternehmer und Geschäftsinhaber sind häufig auf private Investitionen angewiesen, um Wachstumskapital zu erhalten. Höhere Steuern verringern die prognostizierten Renditen für Investoren und damit deren Bereitschaft, Kapital im Vereinigten Königreich einzusetzen.
Vertrauen als Schlüsselfaktor
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Zur AktienanalyseNeben der konkreten Steuerbelastung spielt auch das Vertrauen in stabile Rahmenbedingungen eine zentrale Rolle. Anleger sind eher bereit, Kapital bereitzustellen und Risiken einzugehen, wenn die Regeln verlässlich und verständlich erscheinen. Wiederholte Spekulationen über Änderungen bei der Kapitalertragsteuer, bei Renten oder bei ISAs (Individual Savings Accounts, die britischen Pendant zu deutschen Sparkonten mit Steuervorteilen) fördern hingegen Zurückhaltung.
Der Hargreaves-Lansdown-Chef fordert daher ein CGT-System, das auf die heutigen Gegebenheiten zugeschnitten ist. Jede Reform müsse Haltedauern, die Auswirkungen der Inflation, Steuerfreibeträge sowie das Zusammenspiel der CGT mit ISAs, Renten und allgemeinen Anlagekonten berücksichtigen.
Der Maßstab für jede Reform sei klar: Wird sie mehr Menschen helfen, mit Vertrauen zu investieren, und ermöglicht sie, dass mehr Kapital produktive Unternehmen erreicht? Die Antwort auf diese Frage werde maßgeblich darüber entscheiden, ob sich die britische Investitionskultur stärkt oder stagniert.


