Goldman Sachs: Aktien-Zins-Verhältnis prägt globale Märkte entscheidend
Anhaltender Anleihenausverkauf treibt Renditen auf historische Höchststände – Goldman Sachs analysiert fünf Gründe für die wachsende Zinssensitivität der Aktienmärkte.

Der globale Anleihenmarkt steht seit zwei Wochen unter erheblichem Druck. Ein anhaltender Ausverkauf von Staatsanleihen hat die Renditen weltweit auf teils historische Höchststände getrieben. Auslöser ist die wachsende Sorge der Händler vor einem Inflationsschock infolge steigender Ölpreise, die durch den Nahostkonflikt und die Schließung der Straße von Hormus ausgelöst wurden.
Marktteilnehmer weltweit haben ihre Erwartungen hinsichtlich weiterer Zinserhöhungen der Zentralbanken nach oben korrigiert. Die Unterbrechung der Ölversorgung gilt als die größte in der Geschichte und hat bei Anlegern eine ausgeprägte Abneigung gegen staatlich besicherte Schuldtitel erzeugt. Die Folge: Staatsanleihen werden verkauft, die Renditen steigen.
Historische Höchststände bei Anleiherenditen
Die Ausmaße des Renditeanstiegs sind bemerkenswert. Japans 10-jährige Rendite kletterte auf ein Niveau, das zuletzt im September 1996 erreicht wurde, während die 30-jährige japanische Rendite sogar ein Rekordhoch markierte. Im Vereinigten Königreich erreichte die 30-jährige Staatsanleihe (Gilt) ein Niveau wie zuletzt im Jahr 1998.
In den USA stieg die 10-jährige Rendite auf den höchsten Stand seit über einem Jahr. Die 30-jährige US-Rendite erreichte ein Niveau, das seit 2007 nicht mehr verzeichnet wurde. Allein im vergangenen Monat legte die 10-jährige US-Rendite um rund 25 Basispunkte zu.
Goldman Sachs identifiziert fünf Risikofaktoren
Die Analysten von Goldman Sachs unter der Leitung von Guillaume Jaisson haben in einer Research-Note vom Freitag fünf Gründe hervorgehoben, warum Aktienmärkte derzeit so empfindlich auf Bewegungen am Anleihenmarkt reagieren:
- Das aktuelle Niveau der Renditen
- Die Geschwindigkeit des Renditeanstiegs
- Die relative Bewertung von Aktien
- Die Dynamik der Spätphase des Konjunkturzyklus
- Die Erwartungen an das Wirtschaftswachstum
„Während Aktien weiterhin nahe ihrer Allzeithochs notieren und die Zinssätze erhöht bleiben, war die zugrunde liegende Beziehung selten so bedeutend – oder so negativ – wie heute", schreiben die Goldman-Analysten in ihrer Note.
Kritische Schwellenwerte für USA und Europa
Besonders aufschlussreich ist die Analyse der kritischen Renditeniveaus. In den USA liegen die 10-jährigen Renditen bei 4,6 Prozent – in einem Bereich zwischen 4,5 und 5,0 Prozent, der historisch mit negativeren Korrelationen zwischen Aktien und Zinsen einhergeht. Goldman Sachs stellt fest, dass ein Anstieg der Anleiherenditen um mehr als 1,5 Standardabweichungen innerhalb eines Monats – was derzeit etwa 20 Basispunkten entspricht – historisch mit einer Underperformance von Aktien verbunden ist. Der aktuelle Anstieg von 25 Basispunkten überschreitet diesen Schwellenwert bereits deutlich.
Auch für Europa zeichnen die Analysten ein wachsendes Risikobild. Da die deutschen 10-jährigen Renditen über 3 Prozent liegen, nähern sich die Zinsen einer vergleichbaren kritischen Schwelle. Goldman Sachs weist zudem darauf hin, dass der sogenannte „Wendepunkt" in Europa aufgrund der niedrigeren Ausgangsbasis möglicherweise früher erreicht werden könnte als in der Vergangenheit.
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalyseSpätzyklusphase erhöht die Verwundbarkeit
Ein weiterer zentraler Aspekt der Goldman-Analyse betrifft die Phase des Konjunkturzyklus. Die Zinssensitivität der Märkte sei in späten Phasen des Zyklus typischerweise am höchsten. „Das heutige Umfeld – geprägt von anhaltender Inflation, widerstandsfähigem Wachstum, erhöhten Bewertungen und strukturellem Optimismus rund um Themen wie KI – weist viele Merkmale einer Spätzyklusphase auf. In solchen Phasen sind die Märkte anfälliger für politische Schocks oder Zinsschocks", erklären die Analysten.
Gleichzeitig bieten hohe Aktienbewertungen laut Goldman Sachs weniger Puffer gegen steigende Zinsen, da sie die Fähigkeit des Marktes verringern, Erhöhungen der Abzinsungssätze zu absorbieren. Die Investmentbank stellt zudem fest, dass Aktien seit Beginn des Nahostkonflikts nun negativ mit der kurzfristigen Inflation korrelieren – ein Zeichen dafür, dass der Markt die Entwicklungen als Inflationsschock und nicht als negativen Wachstumsschock interpretiert. Die Korrelation mit der langfristigen Inflation bleibt hingegen positiv, da sie weiterhin an die Wachstumserwartungen gekoppelt ist.


