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Globale Ölkrise: Wie Regierungen beim Krisenmanagement versagen

Die Schließung der Straße von Hormus durch den Iran offenbart erschreckende Lücken in der globalen Energiepolitik und internationalen Zusammenarbeit.

Globale Ölkrise: Wie Regierungen beim Krisenmanagement versagen

Als der Iran die Straße von Hormus schloss, traf IEA-Chef Fatih Birol am Morgen des 3. März mit einer dringenden Bitte in seinen Pariser Büros ein. Er benötigte eine Datenanalyse, um zu überprüfen, was er in der Nacht zuvor in sein Tagebuch geschrieben hatte: „Das Ausmaß der Krise, mit der wir konfrontiert sind, wird die vergangenen Ölshocks wie bloße Aufwärmübungen erscheinen lassen." Das Ergebnis der Analyse war ernüchternd: Es würde mehr Öl verloren gehen als in beiden Ölschocks der 1970er Jahre zusammen.

Birol, ein freundlicher, weißhaariger Türke mit 40 Jahren Erfahrung im Energiesektor, steht im Zentrum dieser Krise. Gespräche mit ihm in Paris und Istanbul geben Einblick, wie die heutige Welt eine Energiekrise bewältigt – oder eben nicht bewältigt.

Regierungen erkannten das Ausmaß der Krise nicht

Nach der Schließung der Meerenge telefonierte und traf Birol ununterbrochen mit Staats- und Regierungschefs. Seine Bilanz ist ernüchternd: „Ich war überrascht, dass die Menschen drei Wochen lang das Ausmaß der Krise nicht erkannten." Viele politische Entscheidungsträger hatten beispielsweise nicht begriffen, dass die Versorgung mit Kerosin massiv unter Druck geraten würde.

Die Internationale Energieagentur – eine kleine zwischenstaatliche Behörde mit einem Kernbudget von lediglich 23 Millionen Euro und ohne gesetzgebende Befugnisse – musste die Führung übernehmen. Die IEA verfügt über die weltweit besten Energiedaten und beaufsichtigt Reserven von 1,2 Billionen Barrel Öl. Am 11. März veranlasste die Agentur eine beispiellose Freigabe von 400 Millionen Barrel, um die Märkte zu stabilisieren.

Zunächst mied Birol die Medien, um die Märkte nicht weiter zu verunsichern. Angesichts der Selbstgefälligkeit der Regierungen begann er jedoch, sich öffentlich zu äußern. Sein Satz „die größte Energiekrise der Geschichte" blieb in den Köpfen der Politiker hängen.

Internationale Zusammenarbeit bröckelt

Bei einem kürzlich abgehaltenen internationalen Treffen, das gleichzeitig als Krisensitzung und Vorbereitung auf den diesjährigen COP-Klimagipfel diente, fiel auf, wer fehlte: die USA und Russland. Ohne diese beiden Mächte fehlt der Welt ein entscheidender Rahmen für koordiniertes Handeln. Die Antwort auf die Frage, wer die Welt regiert, lautet laut Birol schlicht: niemand.

Einige wenige Staats- und Regierungschefs versuchen dennoch, Überreste der globalen Zusammenarbeit am Leben zu erhalten. Birol nennt Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Japans neue Premierministerin Sanae Takaichi und – überraschend – den US-Energieminister Chris Wright. Arme Länder hingegen würden kaum gehört. Als Beispiel nennt Birol den Irak, wo Millionen von Beamten, Soldaten und Rentnern von einem Staat abhängig sind, dessen Ölexporte eingebrochen sind.

Strategisches Denken als seltene Ressource

In einer Krise zeigt sich, wie wenige Staaten überhaupt zur strategischen Planung fähig sind. Washington und Peking bilden hier eine Ausnahme: Beide verfügen über langfristige Notfallpläne. Die USA halten eine riesige Erdölreserve vor. China baut weiterhin Kohlekraftwerke, betreibt sie jedoch weit unter ihrer Kapazität – als Versicherung für den Fall, dass Öl und Gas ausfallen. Doch das amerikanische System gilt als dysfunktional, während China kaum Informationen teilt.

Selbst Staaten von der Größe Großbritanniens fehle es an fortlaufender strategischer Kapazität, sagt der ehemalige britische Energieminister Chris Huhne. Fast die gesamte Zeit der Regierung werde für die Bewältigung aktueller Ereignisse aufgewendet. Deutschland liefert ein warnendes Beispiel: Das Land machte sich erst von russischer Energie abhängig und beschloss dann 2011, nach der Katastrophe von Fukushima, den Ausstieg aus der Kernkraft.

Nur vorübergehende Heftpflaster

Regierungen und Märkte trösten sich mit dem Gedanken, dass die Krise beherrschbar sei und vorübergehen werde. Die Energiepreise sind bislang nicht massiv gestiegen. Birol warnt jedoch, das liege zum Teil an den hohen Ölbeständen zu Beginn der Krise und den seither erfolgten großen Freigaben. Diese seien nur „vorübergehende Heftpflaster". „Ich weiß nicht, warum manche Leute die potenziellen Probleme unterschätzen", sagt er.

Selbst wenn die Straße von Hormus morgen wieder geöffnet würde, werde die geopolitische Unsicherheit noch jahrelang über der Meerenge schweben, so Birol. Das könnte sie wirtschaftlich unrentabel machen. Energieimporteure und -exporteure suchen bereits nach neuen Routen – und werden damit die globale Energiekarte neu zeichnen. Die Folgen für Geopolitik, Handel und die relative Wettbewerbsfähigkeit der Länder wären weitreichend. Ob Regierungen die dafür nötige strategische Denkarbeit leisten? Birols Antwort fällt sanft, aber eindeutig aus: „Ich glaube nicht, dass wir im Moment schon so weit sind."

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