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Gierflation: Was steckt wirklich hinter dem Phänomen?

Wenn die Inflation sinkt, schwindet das Interesse an Gierflation – dabei ist genau jetzt Wachsamkeit gefragt.

Gierflation: Was steckt wirklich hinter dem Phänomen?

Der Begriff „Gierflation" erlebte seinen Höhepunkt in den Jahren nach der Pandemie, als die Inflationsraten in vielen Ländern auf 8 oder 9 Prozent pro Jahr kletterten. Heute, da die Teuerung wieder auf ein normales Niveau gesunken ist, hört man kaum noch davon. Eine Google-Trends-Analyse zeigt dabei ein bemerkenswertes Muster: Die Suchhäufigkeit nach „Gierflation" folgt der Inflationskurve nahezu spiegelbildlich.

Doch genau diese neu gewonnene Gleichgültigkeit könnte ein Fehler sein. Denn gerade in Zeiten gedämpfter Inflation sollten Verbraucher die Preise besonders genau im Blick behalten – und die Frage stellen, ob Unternehmen ihre Gewinnmargen auf Kosten der Kunden ausweiten.

Was ist Gierflation überhaupt?

Die Grundidee der Gierflation ist intuitiv: Unternehmen nutzen Inflationsphasen, um ihre Preise stärker anzuheben als notwendig – und so ihre Gewinne zu maximieren. Tatsächlich versuchen Unternehmen stets, ihre Profite zu steigern. Doch als alleinige Erklärung für Inflationsschübe greift das Konzept zu kurz. Jede Theorie der Unternehmenshabgier muss erklären, warum die Gelegenheit zur Gier scheinbar zu- und abnimmt. Unternehmen wittern rund um die Uhr Gewinnchancen – sollen CEOs wirklich erst 2023 auf die Idee gekommen sein, ihre Preise drastisch zu erhöhen?

Dennoch gibt es durchaus plausible Mechanismen, die erklären könnten, wie Unternehmensverhalten Inflationsspitzen verschärft. Paul Scanlon vom Trinity College Dublin beschreibt in seinem Artikel „A model of greedflation", wie Unternehmen die allgemeine Inflation als Tarnung nutzen könnten: In einem Umfeld, in dem alle mit steigenden Preisen rechnen, fällt es schwerer zu beurteilen, ob eine Preiserhöhung gerechtfertigt ist oder nicht. Dieses Chaos könnte Unternehmen Spielraum für übermäßige Preiserhöhungen geben.

Isabella Weber und Evan Wasner von der University of Massachusetts Amherst beschreiben einen weiteren Mechanismus: Angebotsschocks in einem Wirtschaftsbereich könnten als Signal für Konkurrenzunternehmen dienen, ihre Preise im Gleichschritt zu erhöhen – ohne explizite Absprachen und damit ohne rechtliche Konsequenzen. Als hypothetisches Beispiel: Eine Sperrung der Straße von Hormus würde Öl aus anderen Quellen verteuern und könnte anderen Branchen das Signal geben, nicht nur Preise, sondern auch Gewinnmargen anzuheben.

Das Gegenteil: Verbraucher als Kontrollinstanz

Es gibt jedoch auch eine gegenteilige Sichtweise, die ebenso plausibel erscheint. Demnach reagieren Kunden bei stark steigenden Preisen kämpferisch und vergleichen intensiver – was Unternehmen zwingt, Kostensteigerungen zu schlucken. Erst wenn die Preise sinken oder stabil bleiben, werden Verbraucher nachlässig, und Unternehmen geben Einsparungen nicht weiter.

Belege für diese These liefern Johannes Brinkmann und Nikhil Datta von der University of Warwick. Sie analysierten die Auswirkungen des Ölpreisschocks von 2022 auf britische Benzin- und Dieselpreise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Das Ergebnis: Der Großhandelspreis für Diesel stieg um 39 Pence pro Liter, während die Einzelhandelspreise nur um 16 Pence zulegten. Die Margen der Einzelhändler schrumpften also – das genaue Gegenteil der Gierflations-Hypothese.

Die Erklärung: Bei stark steigenden Preisen fühlen sich Einzelhändler intensiver beobachtet. Brinkmann und Datta zeigen, dass die Suchanfragen auf der britischen Website petrolprices.com dramatisch zunahmen, als die Preise stiegen. In Regionen mit besonders vielen Suchanfragen war auch die Margenkompression besonders ausgeprägt.

Das Raketen-und-Federn-Prinzip

Diese Erkenntnisse fügen sich in eine lange Forschungstradition ein, die als „Raketen-und-Federn-Prinzip" bekannt ist. Die Idee dahinter: Tankstellenpreise schießen bei steigenden Rohölpreisen wie eine Rakete nach oben, sinken aber nur langsam wie eine Feder wieder ab. Dabei erreicht der schnelle Anstieg nicht einmal die Höhe, die man erwarten würde – die eigentlichen Gewinne entstehen erst während des langsamen Abstiegs.

Bereits vor 15 Jahren stellten Matthew S. Lewis und Howard Marvel fest, dass Kunden bei steigenden Preisen zwar mehr Aufwand für Preisvergleiche betreiben, dieser Aufwand aber kaum Früchte trägt, weil die meisten Anbieter ähnliche Preise verlangen. Wenn die Preise hingegen fallen und größere Unterschiede zwischen Anbietern bestehen, lohnt sich der Vergleich – doch genau dann machen sich die wenigsten Verbraucher die Mühe.

Das Fazit für Privatanleger und Verbraucher ist eindeutig: Gierflation ist kein Phänomen, das nur in Hochinflationsphasen relevant ist. Wer in ruhigen Zeiten die Preise nicht vergleicht, gibt Unternehmen genau den Spielraum, den diese für stille Margenausweitungen benötigen.

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