Gazprom in der Krise: Abschied vom Exportgeschäft
Stellenabbau, Immobilienverkäufe und die Suche nach neuen Märkten

Gazprom steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Das einst florierende Exportgeschäft des russischen Energiekonzerns ist nach dem fast vollständigen Verlust der europäischen Märkte in eine Krise geraten. Einst als Symbol für den wirtschaftlichen Erfolg gefeiert, könnte das prachtvolle Bürogebäude im italienischen Palaststil in St. Petersburg nun verkauft werden. Interne Quellen berichten, dass Gazprom sich gezwungen sieht, luxuriöse Immobilien zu veräußern, um finanzielle Verluste zu kompensieren.
Die westlichen Sanktionen nach dem Beginn des Ukraine-Krieges haben Gazprom besonders stark getroffen. Während sich die russische Wirtschaft insgesamt widerstandsfähig zeigt, offenbaren sich in verschiedenen Branchen zunehmende Schwierigkeiten. Präsident Wladimir Putin soll besorgt über die wirtschaftlichen Verzerrungen durch hohe Militärausgaben sein. Die einstige Exportabteilung von Gazprom, die über Jahrzehnte den europäischen Gasmarkt dominierte, ist drastisch geschrumpft. Die Zahl der Mitarbeiter sank von 600 auf nur noch wenige Dutzend. Viele verbliebene Angestellte sind mit juristischen Auseinandersetzungen mit früheren europäischen Abnehmern beschäftigt.
Nicht nur die Exportabteilung ist betroffen. Auch in der Konzernzentrale im Lakhta Center in St. Petersburg stehen umfassende Stellenstreichungen bevor. Rund 1.500 Arbeitsplätze sollen dort abgebaut werden, was etwa 40 Prozent der Belegschaft ausmacht. Den Mitarbeitern wurde aufgegeben, Berichte über ihre Tätigkeiten zu verfassen, um mögliche Doppelbesetzungen zu identifizieren. Die endgültigen Entscheidungen werden in den kommenden Wochen erwartet.
Gazproms Fehleinschätzung der europäischen Reaktion auf die russische Invasion erweist sich als gravierend. Führungskräfte gingen davon aus, dass die EU bald wieder auf russisches Gas angewiesen sein würde. Diese Annahme hat sich nicht bewahrheitet. Die USA haben ihre Exporte von Flüssiggas nach Europa massiv ausgeweitet, und die Europäische Union strebt eine vollständige Unabhängigkeit von russischer Energie bis 2027 an. Der Rückgang des Gasverbrauchs in Europa durch den Ausbau erneuerbarer Energien verstärkt den Druck auf Gazprom zusätzlich.
Finanziell spiegelt sich die Krise in deutlichen Verlusten wider. Im Jahr 2023 verzeichnete Gazprom erstmals seit 1999 ein negatives Jahresergebnis von sieben Milliarden Dollar. Auch in den ersten neun Monaten des Jahres 2024 blieb das Unternehmen in den roten Zahlen. Die Aktie erreichte im Dezember ihren tiefsten Stand seit 2009 und fiel zeitweise auf 106,1 Rubel. Der Wert des Unternehmens liegt heute bei rund 46 Milliarden Dollar, weit entfernt vom Höchststand von 330,9 Milliarden Dollar im Jahr 2007.
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Zur AktienanalyseDie Hoffnungen auf eine Rückkehr zum europäischen Markt scheinen sich nicht zu erfüllen. Zwar hat die Aussicht auf eine mögliche Wiederwahl Donald Trumps in den USA den Aktienkurs zwischenzeitlich stabilisiert, doch ein schnelles Ende der Sanktionen und eine Wiederaufnahme der Exporte erscheinen unwahrscheinlich. Selbst wenn die politische Lage sich ändert, bleibt die Infrastruktur ein Problem. Die beschädigten Nord-Stream-Pipelines sind derzeit außer Betrieb. Zudem stellt sich die Frage, ob Europa erneut in eine Abhängigkeit von russischem Gas geraten will.
Gazprom passt sich den neuen Gegebenheiten an. Statt auf den Export setzt das Unternehmen nun verstärkt auf die Versorgung des russischen Binnenmarkts. Die Regierung hat Gazprom mit der Aufgabe betraut, mehr Haushalte an das Gasnetz anzuschließen und eine stabile Versorgung zu gewährleisten. Analysten sehen darin eine Abkehr von den einstigen globalen Ambitionen des Konzerns. Die früheren Prognosen von CEO Alexei Miller, der 2007 von einer Marktkapitalisierung von einer Billion Dollar sprach, erscheinen in der aktuellen Lage unerreichbar.


