FTSE 100 auf Allzeithoch: Britischer Index trotzt globalem Chip-Ausverkauf
Der britische Leitindex profitiert von seiner geringen Tech-Gewichtung und glänzt mit starken Banken- und Energiewerten.

Der FTSE 100 hat am Mittwoch ein neues Allzeithoch erreicht. Im frühen Handel kletterte der britische Standardwerteindex um bis zu 0,7 Prozent auf 10.951 Punkte und übertraf damit seinen bisherigen Rekord von 10.934 Punkten aus Ende Februar. Im weiteren Verlauf gab der Index einen Teil der Gewinne wieder ab und notierte zuletzt noch 0,3 Prozent im Plus.
Das Rekordhoch fällt in eine Zeit globaler Turbulenzen. Weltweit erschüttert ein massiver Ausverkauf bei Halbleiteraktien die Märkte. Der technologielastige Nasdaq 100 an der Wall Street rutschte am Dienstag kurzzeitig in den Korrekturbereich, da Anleger ihre Positionen in Chip- und Speicherherstellern reduzierten. Der FTSE 100 hingegen profitiert genau von dem, was ihn von anderen großen Indizes unterscheidet: seiner vergleichsweise geringen Abhängigkeit vom Technologiesektor.
„Der FTSE ist fast schon ein Anti-Tech-Index", sagte Emmanuel Cau, Leiter der europäischen Aktienstrategie bei Barclays. „Es ist ein recht guter Index, um diese Volatilität zu meistern, während der Markt nach Anti-Momentum- und Anti-Tech-Häfen sucht." Für globale Investoren hat sich der britische Markt damit als attraktives Instrument zur Risikodiversifizierung erwiesen.
Energie- und Bankwerte als Treiber der Rally
Ein wesentlicher Faktor für die starke Entwicklung des FTSE sind die britischen Öl- und Gaskonzerne. Rohöl wurde in den vergangenen Wochen über 85 US-Dollar pro Barrel gehandelt, nachdem der Konflikt zwischen den USA und dem Iran erneut eskalierte. Die globalen Aktienmärkte waren Anfang März eingebrochen – kurz nach dem vorangegangenen Höchststand des FTSE –, nachdem die USA und Israel Angriffe auf den Iran begonnen hatten. Teheran blockierte daraufhin nahezu den gesamten Zugang zur strategisch wichtigen Straße von Hormus, was die Energiepreise in die Höhe trieb.
Die börsennotierten britischen Ölkonzerne profitierten erheblich: Shell legte seit Beginn des Konflikts um 7 Prozent zu, BP sogar um 13 Prozent – während der Rest des Marktes hinterherhinkte. Auch britische Bankaktien spielten eine entscheidende Rolle bei der jüngsten Rally. HSBC, Lloyds, Standard Chartered, NatWest und Barclays zählen in diesem Jahr zu den Top-Performern im Index, beflügelt durch starke Gewinne und den Anstieg der globalen Kreditkosten infolge der gestiegenen Ölpreise.
Dan Hanbury, Aktien-Portfoliomanager bei NinetyOne, beschreibt die Dynamik treffend: „Was man auf globaler Ebene sieht, ist eine sehr deutliche Ausweitung" weg von den Technologie-Megacaps. Der britische Large-Cap-Markt „ist ein günstiger Markt und verfügt über eine Kombination aus Zyklikern, die sich gut entwickelt haben, wie Öl und Gas, sowie etlichen defensiven Titeln. Das ergibt ein gutes Umfeld für den britischen Markt." Hanbury hat britische Aktien in seinem globalen Portfolio entsprechend übergewichtet.
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Zur AktienanalyseIm Jahresvergleich zeigt sich die Stärke des britischen Index besonders deutlich. Der FTSE 100 ist seit Jahresbeginn um 9,7 Prozent gestiegen, während der europaweite Stoxx Europe 600 mit einem Plus von 9 Prozent leicht dahinter liegt. Der US-amerikanische S&P 500 liegt im laufenden Monat sogar leicht im Minus, während der FTSE in diesem Zeitraum fast 4 Prozent zulegte.
Roland Kaloyan, Leiter der europäischen Aktienstrategie bei Société Générale, hebt einen weiteren Vorteil des britischen Index hervor: die „geringere Abhängigkeit von zyklischen Konsumgütersektoren, insbesondere Automobilen und Luxusgütern" habe dem FTSE geholfen, seine europäischen Pendants zu übertreffen. Max Kettner, Chefstratege für Multi-Asset bei HSBC, ergänzt: „Es sind vor allem die Banken, die britische und europäische Aktien nach oben getrieben haben." Er geht angesichts starker Gewinnerwartungen davon aus, dass die Aktien der Region weiterhin eine Outperformance erzielen werden.
Analysten der Ruffer Investment Company sehen zudem Rückenwind durch die britische Binnenwirtschaft. Eine schrittweise Verbesserung der britischen Konjunktur sollte den Londoner Aktienmarkt stützen. Ruffer ist der Ansicht, dass „Anleger gegenüber Großbritannien weiterhin zu pessimistisch eingestellt sind", und hält Anteile an zinssensitiven Unternehmen wie Wohnungsbaugesellschaften, die von möglichen Zinssenkungen profitieren könnten. Die Markterwartungen bezüglich weiterer Zinserhöhungen der Bank of England sind seit dem Höhepunkt des Nahostkonflikts stark gesunken – ein weiterer Faktor, der Teile des britischen Aktienmarktes beflügelt hat.


