Fifa-Governance-Krise: Warum Infantino nicht das eigentliche Problem ist
Ein ehemaliger Fifa-Ausschussvorsitzender analysiert, warum strukturelle Reformen dringender sind als ein Führungswechsel.

Die Fifa, die private Organisation, die den Weltfußball regiert, hat sich zu einer der mächtigsten Institutionen des Planeten entwickelt. Sie verfügt über enormen Einfluss – und unterliegt gleichzeitig bemerkenswert wenig externer Kontrolle. Die jüngsten Kontroversen rund um Präsident Gianni Infantino sind dabei keine isolierten Fehltritte, sondern Symptome eines Governance-Modells, das an seine Grenzen gestoßen ist.
Konkret sorgte zuletzt der gescheiterte Plan Infantinos für Aufsehen, eine kommerzielle Einheit im Wert von 20 Milliarden US-Dollar aus der Schweizer Non-Profit-Organisation auszugliedern. Viele Beobachter hofften, die daraus resultierende Empörung könnte zu echten Reformen führen. Ähnliche Hoffnungen gab es bereits nach den Korruptionsskandalen von 2015 – doch die institutionellen Strukturen, die dieses Versagen ermöglichten, blieben damals intakt.
Das eigentliche Problem: Ein struktureller Interessenkonflikt
Diese Einschätzung stammt von einem Autor mit besonderer Expertise: Er war ehemaliger Vorsitzender des Governance- und Prüfungsausschusses der Fifa und ist heute Dekan an der Catolica Global School of Law. Seine Kernthese ist klar: Infantino ist nicht das Problem. Das zentrale Problem liegt darin, dass die Fifa gleichzeitig Regulierungsbehörde des Weltfußballs und dessen wichtigster kommerzieller Akteur ist.
In jedem anderen Wirtschaftssektor würde eine solche Konstellation als offensichtlicher Interessenkonflikt erkannt und entsprechend reguliert werden. Im Fußball hingegen wurde sie normalisiert. Die Folge: Sobald kommerzieller Erfolg zum primären Maßstab für institutionellen Erfolg wird, werden alle anderen Ziele dem Umsatzwachstum untergeordnet.
Die Konsequenzen sind konkret spürbar: Die Gesundheit der Spieler weicht einem immer volleren Terminkalender. Das sportliche Gleichgewicht wird dem Streben nach einem weltweiten Fernsehpublikum geopfert. Fans werden zunehmend zu Konsumenten, die monetarisiert werden sollen, anstatt zu Gemeinschaften, denen man dient. Der Autor vergleicht dies mit einem Gesundheitssystem, das als vorbildlich gilt, weil es hochprofitabel ist – obwohl die meisten Bürger keinen Zugang mehr zu hochwertiger medizinischer Versorgung haben.
Patronagesystem verhindert echte Unabhängigkeit
Das Governance-Modell der Fifa bietet starke Anreize für diese Profitorientierung. Die finanziellen Ressourcen der Organisation stützen ein System der Patronage, das Amtsinhaber festigt und Widerspruch entmutigt. Den Austausch eines Präsidenten ohne Änderung dieser Anreize bereitet lediglich den Boden für den nächsten.
Dieses Patronagesystem wird durch den kleinen und geschlossenen Kreis der Wahlberechtigten begünstigt. Konföderationen und nationale Verbände weisen dieselben Governance-Mängel auf wie die Fifa selbst. Sie werden von einem relativ stabilen Pool an Amtsinhabern dominiert, Frauen sind stark unterrepräsentiert, und Fans sowie andere Stakeholder haben kaum eine Stimme. Die Fußballverbände beanspruchen eine Legitimität von unten nach oben, agieren jedoch faktisch von oben nach unten.
Auch unabhängige Ausschüsse können nicht wirklich unabhängig bleiben, wenn Ernennungen, Mandate und Abberufungen letztlich von genau den Machthabern abhängen, die sie kontrollieren sollen. Der Autor berichtet aus eigener Erfahrung, wie fragil eine solche Unabhängigkeit sein kann, sobald sie unbequem wird.
Forderung nach struktureller Trennung und politischem Handeln
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Zur AktienanalyseDie vorgeschlagene Lösung ist klar formuliert: Die Regulierungsfunktionen der Fifa sollten von ihren kommerziellen Aktivitäten getrennt werden. Die Governance sollte wahrhaft inklusiv werden und Spielern, Fans, Frauen und anderen Stakeholdern eine gewichtige Stimme geben. Die Aufsicht muss wirklich unabhängig sein, geschützt durch transparente Ernennungsverfahren und gesicherte Mandate, frei von Interessenkonflikten.
Da wesentliche Reformen von innen heraus als unmöglich gelten, richtet sich der Appell an die politischen Behörden – insbesondere an die europäischen Institutionen. Der Gerichtshof der Europäischen Union hat wiederholt davor gewarnt, dass die Ausübung von Regulierungsbefugnissen durch einen Sportverband in einem Markt, in dem er der dominierende kommerzielle Akteur ist, ernsthafte rechtliche Risiken birgt.
Bereits im Weißbuch Sport aus dem Jahr 2007 zitierte die Europäische Kommission eine Studie, wonach der Sport 3,7 Prozent des BIP der EU und 5,4 Prozent ihrer Erwerbsbevölkerung ausmacht. Der Fußball ist damit ein bedeutender Sektor der europäischen Wirtschaft. Die europäischen Institutionen haben sich in der Vergangenheit stets der Forderung der Sportverbände nach Autonomie gebeugt – eine Zurückhaltung, die laut dem Autor nicht länger zu rechtfertigen ist.


