Fed-Chef Warsh bringt Geldmenge M2 zurück ins Spiel
Die US-Notenbank beobachtet erstmals seit einem Jahrzehnt wieder die Geldmenge – als ergänzendes Instrument zur Inflationsanalyse.

Die Federal Reserve richtet ihren Blick wieder auf die Geldmenge. Fed-Chef Kevin Warsh hat in den jüngsten geldpolitischen Bericht der Notenbank erstmals seit einem Jahrzehnt wieder einen Abschnitt zur Geldmenge aufgenommen. Beobachter sehen darin ein nützliches, aber letztlich ergänzendes Instrument für die Geldpolitik.
Im Mittelpunkt steht das Geldmengenaggregat M2, das Bargeld im Umlauf, Bankeinlagen sowie kurzfristige Termineinlagen und Geldmarktfondsanteile umfasst. Warsh erläuterte den Schritt bei einer Senatsanhörung am 15. Juli mit einem ungewöhnlichen Bild: „Es war ein Easter Egg, das wir dort versteckt haben, um zu sehen, ob jemand diese geldpolitischen Berichte liest." Der neue Fed-Chef betonte dabei ausdrücklich, kein Monetarist zu sein.
Geldmenge als Teil eines „Informationsmosaiks"
Warsh positioniert M2 nicht als alleinigen Schlüssel zur Inflationserklärung, sondern als einen Baustein unter vielen. „Ich sage nicht, dass das Geheimnis der Inflation darin liegt, dass alles gut wäre, wenn wir nur M2 kennten", so Warsh. Stattdessen solle ein moderner Zentralbanker über ein „Informationsmosaik" verfügen – und „Geld spielt dabei eine Rolle."
Hintergrund dieser Neuausrichtung ist die Erfahrung aus der COVID-19-Pandemie. Das M2-Wachstum im Jahresvergleich erreichte Anfang 2021 einen Rekordwert von 27 Prozent – mehr als ein Jahr bevor die Fed begann, die Zinsen anzuheben. Die Inflation, gemessen am von der Fed verwendeten Preisindex, kletterte schließlich auf 7,2 Prozent. Warsh argumentiert, dass eine stärkere Beachtung der Geldmenge die aufkommende Inflation früher hätte sichtbar machen können.
Die Geldmengensteuerung hatte einst eine zentrale Rolle in der Geldpolitik inne. Die Grundannahme: Wenn zu viel Geld auf zu wenige Güter trifft, entsteht Inflation. Jahrzehnte finanzsektoraler Innovationen untergruben jedoch diese Beziehung, weshalb die US-Notenbanker das Maß zunehmend ignorierten. Nun erlebt es unter Warsh eine vorsichtige Renaissance.
Aktuelle M2-Daten und Inflationslage
Nach einer kurzen Schrumpfungsphase infolge der Zinserhöhungen der Fed liegt das jährliche M2-Wachstum wieder auf einem Vierjahreshoch. Im Mai betrug es 5,6 Prozent – rund 1,2 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt seit 1960. Gleichzeitig lag das Inflationsmaß der Fed zuletzt im Mai bei 4,1 Prozent, mehr als das Doppelte des Zielwerts von 2 Prozent.
Ökonomen und ehemalige Zentralbanker begrüßen die Rückkehr des Blicks auf M2 grundsätzlich. James Bullard, Dekan der Mitch Daniels School of Business an der Purdue University und ehemaliger Präsident der St. Louis Fed, kommentierte: „Ich halte es für gut, alle daran zu erinnern, dass es bei der Geldpolitik letztlich um Geld geht." Bullard, dessen frühere Institution eine lange Tradition im Monetarismus hat, mahnte jedoch zur Vorsicht: „Wir verstehen, dass das Geldwachstum schwanken kann" – wenn sich Geldmengenmaße aber ernsthaft in eine Richtung bewegten, sollte man dem Aufmerksamkeit schenken.
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Zur AktienanalyseRandfaktor, kein Paradigmenwechsel
Fed-Beobachter sind sich einig: M2 wird ein Randfaktor in den geldpolitischen Beratungen bleiben. Die aktuelle Inflationslage in den USA ist komplex – der anhaltende Preisdruck, der über fünf Jahre hinweg über dem Ziel von 2 Prozent liegt, wurzelt in den aggressiven Stimulierungsmaßnahmen der Pandemiezeit und wurde durch die Wirtschafts- und Außenpolitik von Präsident Donald Trump zusätzlich verschärft.
Für deutsche Anleger und Beobachter der US-Geldpolitik ist die Entwicklung dennoch bemerkenswert: Sie signalisiert, dass die Fed unter Warsh bereit ist, ihren analytischen Werkzeugkasten zu erweitern – auch wenn dies keine grundlegende Abkehr vom bisherigen Kurs bedeutet. Die Geldmenge kehrt als Indikator zurück, nicht als Steuerungsgröße.


