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EZB vor Zinserhöhung im Juni: Ökonomen warnen vor Risiken

85 Prozent der befragten Ökonomen erwarten eine EZB-Zinserhöhung im Juni – doch der Weg danach bleibt höchst umstritten.

EZB vor Zinserhöhung im Juni: Ökonomen warnen vor Risiken

Die Europäische Zentralbank (EZB) steht vor einer ihrer schwierigsten geldpolitischen Entscheidungen seit Jahren. Laut einer Reuters-Umfrage vom 8. bis 13. Mai 2026 erwarten 59 von 70 befragten Ökonomen – rund 85 Prozent – eine Anhebung des Einlagensatzes um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent im Juni. Damit hat sich der Konsens gegenüber der Stimmungslage vor der April-Sitzung deutlich verschoben.

Treiber dieser Erwartungswende ist der anhaltende Konflikt im Nahen Osten, der mittlerweile in seinen dritten Monat geht. Die Brent-Rohölpreise liegen weiterhin mehr als 50 Prozent über dem Vorkriegsniveau und befeuern die Inflation spürbar. Diese liegt derzeit mehr als einen Prozentpunkt über dem EZB-Ziel von 2 Prozent. Für den Rest des Jahres prognostizieren Ökonomen eine durchschnittliche Inflationsrate von 3,2 Prozent, für 2026 von 2,8 Prozent.

Gefährliche Entankerung der Inflationserwartungen

Im Kern der EZB-Debatte steht die Sorge vor einer „Entankerung der Inflationserwartungen" – also dem Risiko, dass Haushalte und Unternehmen dauerhaft höhere Preise einkalkulieren und damit eine Lohn-Preis-Spirale auslösen. Jens Eisenschmidt, Chefvolkswirt für Europa bei Morgan Stanley, beschreibt die Lage als schwierige Abwägung: Wie viel geldpolitische „Versicherung" braucht die EZB, um die Erwartungen verankert zu halten? Bislang sind die sogenannten Zweitrundeneffekte – also dauerhafte Lohnsteigerungen als Reaktion auf temporäre Preisschocks – noch begrenzt, was den Handlungsdruck etwas dämpft.

Trotz des breiten Konsenses über den Juni-Schritt ist der weitere Zinspfad heftig umstritten. Die Finanzmärkte preisen bis zu drei weitere Zinserhöhungen ein – eine Einschätzung, die viele Ökonomen für übertrieben halten. Martin Wolburg, Senior-Ökonom bei Generali Investments, warnt ausdrücklich vor einem zu aggressiven Kurs: „Die EZB will signalisieren, dass sie im Bedarfsfall jederzeit bereit ist zu handeln. Aber das eigentliche Problem sind die Engpässe bei kritischen Energielieferungen, die stark negative Auswirkungen auf die Wirtschaftsaktivität haben werden und letztlich einen vorsichtigeren Ansatz erfordern. Die Märkte übertreiben mit der Erwartung von drei Zinserhöhungen. Wir glauben, die EZB wird deutlich vorsichtiger vorgehen."

Schwaches Wachstum erschwert die Entscheidung

Der Druck für höhere Zinsen trifft auf eine fragile Konjunktur. Die Wachstumsprognosen für 2026 wurden auf 0,8 Prozent nach unten revidiert – bereits die zweite Abwärtskorrektur seit Anfang März. Das quartalsweise Wirtschaftswachstum soll in der ersten Jahreshälfte bei lediglich 0,1 Prozent stagnieren. Ökonomen warnen, dass eine aggressive Straffung der Geldpolitik in einem solch schwachen Umfeld erheblichen wirtschaftlichen Schaden anrichten könnte.

Kritiker der aktuellen Modellierungen weisen zudem auf eine gefährliche Annahme hin: Viele Wirtschaftsprognosen gehen nach wie vor von einer raschen Beilegung des Konflikts aus – eine Erwartung, die seit Kriegsbeginn fortgeschrieben wird, ohne einzutreten. Carsten Brzeski, globaler Makro-Chef bei ING, mahnt, dass das Risiko einer Fehleinschätzung der Inflationsdauer steigt, je länger der Konflikt die Lieferketten stört. Er erinnert damit implizit an die Erfahrungen von 2022, als Zentralbanken die Inflation zunächst als „vorübergehend" einstuften – und dann mit einem aggressiven Zinserhöhungszyklus gegensteuern mussten.

Uneinigkeit über den weiteren Zinspfad

Beim Blick über den Juni hinaus zeigt sich die Spaltung unter den Experten deutlich. Knapp die Hälfte der Befragten – 34 von 70 Ökonomen – rechnet mit mindestens einer weiteren Zinserhöhung nach dem Juni-Schritt, wahrscheinlich im darauffolgenden Quartal. Rund 47 Prozent der Befragten erwarten hingegen null oder nur eine weitere Erhöhung für den Rest des Jahres.

Diese Uneinigkeit spiegelt die grundlegende Zerrissenheit der Eurozone wider. Die EZB muss eine Inflation bekämpfen, die primär durch externe Energieschocks getrieben wird – und gleichzeitig eine Wirtschaft stützen, die bereits deutliche Schwächezeichen zeigt. Die zentrale Herausforderung für Frankfurt bleibt damit, die notwendige geldpolitische Straffung gegen das Risiko abzuwägen, eine ohnehin angeschlagene Erholung vollends abzuwürgen.

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